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Von Sternen, Blumen und Ochsen

Eine Kritik zu „Los tonos mayores“

„Duuuuut – dut – dut – duuuuut – dut – duuuuut“, summt die 14-jährige Ana ihrer Freundin Lepa die merkwürdigen Signale vor, die sie an der Metallplatte in ihrem Arm spürt.
Diese Platte wurde ihr nach einem Unfall in ihren Arm eingesetzt – und wer den Film „Los tonos mayores“ (dt.: „Die Dur-Töne“) besonders aufmerksam schaut könnte schlussfolgern, dass dies auch der Unfall sein muss, bei dem Anas Mutter ums Leben kam.

Ingrid Pokropeks Debütfilm feiert am Samstag seine Internationale Premiere im Haus der Kulturen der Welt, das Publikum ist begeistert und vor allem die junge Hauptdarstellerin Sofía Clausen erntet viel Applaus, die erst zwölf Jahre alt war, als die Dreharbeiten begannen. Es ist ein Film über ein fantastisches Rätsel von geheimen Botschaften, ein Film voller Musik und voller geistreicher Figuren und Wendungen.

Gemeinsam mit ihrem Vater Javier (Pablo Seijo), einem Künstler, lebt Ana in Buenos Aires. Gerade sind Winterferien, und seit einer Weile empfängt ihre Metallplatte diese rätselhaften Impulse – doch woher kommen sie? Als Ana nun ihre Freundin (Lina Ziccarello) um Rat fragt, notiert Lepa die Rhythmen und komponiert aus ihnen ein Lied. Viel mehr kann sie Ana jedoch nicht helfen.

Des Rätsels Lösung kommt Ana erst einige Zeit später zufällig näher: Nach einem Streit mit Lepa offenbart ihr der junge Soldat Pablo (Santiago Ferreira), den sie auf der Straße trifft, dass es sich bei den rhythmischen Signalen um Morsezeichen handelt. Nun gibt es für Ana kein Halten mehr: Sie möchte unbedingt herausfinden, woher diese Signale kommen, wer sie sendet und vor allem was sie bedeuten.
Doch den Code zu knacken, das ist gar nicht so einfach. Und während Ana zumindest glaubt, die auf den ersten Blick nichtssagenden Nachrichten („Ochse – Vergiss mich nicht – Zentaur“) immer besser zu verstehen, leidet die Beziehung zu ihrem Vater sichtlich unter ihrem immer größer werdenden Drang, die verschlüsselten Botschaften zu entschlüsseln. Hinzu kommt, dass er überhaupt nicht weiß, was Ana die ganze Zeit so beschäftigt, und er beginnt sich zunehmend Sorgen zu machen.

© Gong Cine / 36 Caballos


Wir (und im Laufe des Films viele verschiedene, sehr spezielle Figuren) begleiten also Ana auf ihrer Spurensuche quer durch die Stadt, beobachten unverhoffte Begegnungen und fragen uns gemeinsam mit Ana brennend, was denn nun die Bedeutung der rätselhaften Signale ist. Doch die Frage, die Pokropek vor allem aufwirft ist, ob wir auf die Rätsel, die uns das Leben so oft aufgibt, denn wirklich immer eine Antwort brauchen. Und ob eine vermeintliche Antwort uns wirklich so weiterbringt, wie wir es erhoffen.

Herausragende Momente gibt es dann zum Beispiel in einem sehr leeren Restaurant, in dem der Zufall oder das Schicksal mehrere Figuren zusammenführt und so beispiellos absurde aber sehr unterhaltsame Dialoge ermöglicht, besonders der Kellner blüht hier in seiner Rolle auf und durchläuft eine sehr kurzweilige, aber berührende Charakterentwicklung. Später zeichnet sich der Film außerdem maßgeblich durch erfrischende Perspektivwechsel aus, die Ana und Lepa durchlaufen und die teilweise alles relativieren, was sie bisher über die Botschaften zu wissen geglaubt haben. Doch gleichzeitig gibt Pokropek dem Publikum mit diesem und anderen originellen Einfällen eine sehr inspirierende, hoffnungsvolle Lebensphilosophie mit, die infrage stellt, ob wir als Menschen wirklich alles wissen oder tun sollten und gleichzeitig eine Hommage an die Schönheit von unerforschten Geheimnissen, unberührten Gebieten und unerklärlichen Phänomenen darstellt. Auch die Musik unterstützt diese Atmosphäre und trägt wie die restliche, sehr liebevolle Feingestaltung eindrücklich zur Botschaft des Films bei.

„Los tonos mayores“ ist eine wahre Bereicherung und steht für mich für die Art von Kinderfilmen, die ich gerne auf der Berlinale sehen möchte. Durch die sehr authentische und nahbare Erzählweise begibt sich die Regisseurin auf Anas Augenhöhe und die aller Kinder und das Publikum zweifelt nicht eine Sekunde an Anas Geschichte, wie es viele Erwachsene im Film wohl wahrscheinlich tun würden. Auch die im Film belastete Beziehung zwischen Ana und ihrem Vater ist sehr gelungen und stellt einen besonders berührenden Teil des Films dar, denn obwohl der Verlust der Mutter eigentlich nur angerissen wird, begleiten wir die beiden auf ihrer durchaus schweren Reise. Das Publikum wird durch einfallsreiche und abwechslungsreiche Überraschungen ernstgenommen und inspiriert, und vor allem die atmosphärische Musik trägt zu einer lang nachwirkenden Stimmung bei.
Besonders geeignet ist der Film nach Empfehlung für Kinder ab 10 Jahren, der ich mich nur anschließen kann, obwohl sich einige tiefere Gedanken und Thematiken eher an eine ältere Zielgruppe richten, weswegen er auf eine gewisse Weise auch einen Übergang von Kplus- zu 14plus-Filmen darstellt.
Der Kinobesuch lohnt sich auf jeden Fall und „Los tonos mayores“ ist definitiv unter meinen Favoriten für den Gläsernen Bären.

  • Leo

    Leo ist 17 Jahre alt, macht gerade sein Abitur und ist für verrückte Ideen immer schnell zu haben. Auch eines kalten Winterabends das allerletzte Screening der Generations-Sektion der Berlinale 2022 zu besuchen, ohne die geringste Vorahnung, was ihn erwartet. Seitdem ist er mit viel Liebe und Begeisterung bei der Berlinale dabei, und dieses Jahr zum zweiten Mal mit den fGR. Leo liebt Filme, interessiert sich besonders für Filmmusik und hat großen Spaß daran eigene kleine Filmprojekte umzusetzen - dieses Jahr freut er sich auf ganz viel neue Inspiration und Begegnungen!

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