Alle Wege führen ins Jenseits

Eine Kritik zu A natureza das coisas invisíveis oder Das Wesen der unsichtbaren Dinge, dem Kplus Eröffungsfilm der Berlinale 2025

Jeder Mensch wird in seinem Leben früher oder später mit dem Tod konfrontiert, doch haben wir alle ganz unterschiedliche Wege oder Traditionen, damit umzugehen. Im diesjährigen brasilianisch/chilenischen Kplus Eröffnungsfilm wird genau dieses, zunächst düster und schwer erscheinende Thema, aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet – vorranging jedoch aus den Augen der Kinder. Die beiden Protagonistinnen Gloria und Sofia haben ihre ganz eigene Art und Weise, den Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt zu betrachten. Eine treffende Beschreibung dieser Sichtweise gibt meiner Meinung nach der Leiter von Generation Sebastian Markt, als er vorab gebeten wird, das Kplus Programm in einem Wort zu beschreiben: Fantasie. Die Fantasie sieht er als „Baustein für eine Zukunft, die anders sein kann.“ Mit diesem Vorgeschmack tauchen wir ein in eine Geschichte, deren Charaktere, vor Kreativität und Faszination nur so sprühen.

Die jungen Mädchen treffen sich das erste Mal in einem Krankenhaus – Gloria muss ihre Ferien auf der Arbeit ihrer alleinerziehenden Mutter Antônia verbringen, während Sofia ihre an Alzheimer erkrankte Urgroßmutter Bisa begleitet. Ungefähr das erste Drittel des Films spielt ausschließlich im Krankenhaus, ein Ort mit dem ich, wie vermutlich viele weitere Kinobesucher:innen, Erinnerungen verbinde, in die ich mich sehr ungern zurückversetzt sehe. Der Film jedoch schafft es, eine unglaubliche Leichtigkeit und Wärme in die sonst so kargen Krankenzimmer zu bringen. Besonders die selbstbewusste Gloria füllt ihre Umgebung mit Liebe, Ehrlichkeit und wunderlichen Ideen. Zu den Patient:innen, insbesondere dem Greis Osvaldo, pflegt sie eine innige Beziehung. Dieser beglückt sowohl die Mädchen als auch das Berlinale Publikum mit absurden Geschichten über tote Menschen die versehentlich beim Bau des Krankenhauses in die Wände eingemauert wurden – nur einer der vielen Momente, der in der Vorführung ein herzliches Lachen durch den Saal gehen lässt.

Auch die Mütter der Mädchen kommen sich in der schwierigen Situation näher und fassen bald einen Entschluss: die, sich dem Ende ihres Lebens zuneigende, Großmutter braucht einen angemessenen Ort, um Abschied zu nehmen. Daher machen sich Bisa, Gloria und Sofia sowie deren Mütter Antônia und Simone auf den Weg in eine Frauengemeinschaft auf dem Land. Dort wird viel Wert auf Religion und Spiritualität gelegt und die Frauen kümmern sich gemeinsam um Bisa und beten, damit ihre Seele friedlich weiterziehen kann. Es ist wunderschön mitanzusehen, wie die alte Frau in dieser neuen Umgebung noch einmal voll aufblüht. Im Krankenhaus sah man sie kaum bei Bewusstsein daliegen oder sich wütend gegen ihre Enkelin und die Pfleger:innen sträuben. Doch plötzlich scheint sie wieder voller Leben und ich schließe sie mit ihrer zärtlichen, amüsanten aber auch strengen Art sofort ins Herz. Generell ist die generationsübergreifende Gemeinschaft aus Frauen, die alle ihre persönlichen Eigenarten haben jedoch auf eine ganz natürliche und selbstverständliche Weise füreinander da sind, ein Ort an dem man sich selbst als Zuschauer:in geborgen fühlt.

Die enge Freundschaft zwischen Gloria und Sofia, zeigt sich auch abseits der Leinwand in liebevollen Interaktionen zwischen den beiden Darstellerinnen. Händehaltend stehen sie in der Fragerunde nach dem Film beieinander und unterstützen sich gegenseitig in diesem aufregenden Moment. Laura Brandão (Gloria) beeindruckt mich besonders mit ihrer Antwort auf die Frage, was sie durch den Dreh des Films gelernt habe. Für sie ginge es bei A natureza das coisas invisíveis ganz viel um Respekt – Respekt vor den unterschiedlichsten Vorstellungen die Menschen von Leben und Tod haben. Denn egal ob man sich wie Glorias Mutter an die Schulmedizin hält; Zuversicht im Glauben an Gott oder spirituellen Riten findet; oder wie Sofia eine Totenwache für ihre gestorbene, frühere Identität abhalten lässt – jede persönliche Umgangsform ist gleichermaßen legitim. Der Film macht einen wichtigen Schritt in Richtung Akzeptanz und er zeigt uns, wie viel Kinder zu einer Gemeinschaft beitragen und wie viel wir aus ihrer Ehrlichkeit und – da haben wir es wieder – Fantasie lernen können.

Ich lege euch A natureza das coisas invisíveis wärmstens ans Herz und vielleicht könnt ihr sogar Glorias kleines Geheimnis lösen: Was genau hat es mit dem Schwein auf sich, dass sie hin und wieder begleitet?

Die Chance den Film auf der Berlinale zu sehen gibt es noch genau zwei Mal: Am 20.02. und am 21.02. im Zoo Palast

  • Emily

    Emily, 18 Jahre, liebt es Texte zu schreiben - ob in der Schule, privat oder nun auch zum ersten Mal für die FGR. Sie macht momentan ihr Abitur und kann sich gut vorstellen, nach der Schule im Berufsfeld Journalismus tätig zu werden, weshalb sie unglaublich dankbar ist, die Berlinale als Jugendreporterin begleiten zu dürfen.

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