Herzlich willkommen zum umfassenden Kurzfilmguide, in dem ihr einen Überblick über die Kurzfilme in ihren jeweiligen Kurzfilmprogrammen von Generation erhaltet und Tipps bekommt, welche Programme die passenden für euch sein könnten. Insgesamt gibt es dieses Jahr 20 Kurzfilme, aufgeteilt auf jeweils zwei KPlus- und zwei 14Plus-Kurzfilmsets.
Kurzfilme 1 KPlus
Die Kurzfilme 1 von KPlus sind vermutlich das am besten kurierte Kurzfilmprogramm aus der diesjährigen Sektion Generation. Hier treffen kurzweilige, starke Filme mit wichtigen Botschaften aufeinander, die für Kinder liebevoll und süß dargestellt werden.

In Autokar muss die kleine Agata alleine im Bus von Polen nach Belgien reisen. In ihrer Vorstellung verwandeln sich die Mitreisenden in teils angsteinflößende Tiere, doch ein blauer Stift von ihrem Vater gibt ihr Halt. Der Film ist liebevoll gestaltet und nutzt das Potential von Animationen, Dinge einfach verwandeln oder ineinander übergehen zu lassen, oder auch Metaphern nicht nur sprichwörtlich sondern auch filmisch einzufangen. Ein durch und durch rundes Erlebnis.

Ornmol bildet nun einen starken Kontrast und befördert uns direkt in eine kleine Gemeinde in Australien. Dokumentarisch werden hier die Vorbereitungen auf ein Fest eingefangen. Die Aufnahmen sind schön, mir hat jedoch die Einordnung gefehlt, um konkret etwas für mich mitnehmen zu können. Der Film ist mit seinen 10 Minuten jedoch kurzweilig und recht interessant anzugucken.

Der nächste Film im Programm ist mit Down in the Dumps wieder eine Animation, dieses Mal eine holländische. Auf sehr süße und nahbare Weise, wird das Publikum hier mit dem Thema Depression in Verbindung gebracht. Trotz der potentiell schwierigen Problematik ist der Film sehr leicht gehalten, unterhaltsam und überzeugt mit einer schönen Botschaft.

In Akababuru: Expressión de Asombro treffen Animation und Realfilm aufeinander. Die kleine Kari wird mit Gefahren, die auf junge Mädchen in der Gesellschaft lauern (Männer), konfrontiert, wird aber von einer Jugendlichen mit Hilfe einer umgedeuteten Legende empowered. Die kräftigen Farben, in denen Landschaft und Animationen gehalten sind, geben Kari und der Erzählung Rückenwind und lassen auch das Publikum gestärkt aus dem Film gehen. Ein schöner Film mit wichtiger Botschaft, insbesondere für junge Mädchen.

On a Sunday at Eleven ist Gesellschaftskritik auf eingängigem Level. Die junge Hauptdarstellerin tanzt als einzige Schwarze in einer sonst sehr weißen (auf allen Ebenen) Balletgruppe. Unterschiedliche Stereotypen prallen hier aufeinander. Gleichzeitig wird das Publikum auf Augenhöhe mitgenommen, um das Erlebte der Protagonistin zu fassen. Der Film bleibt filmisch ein bisschen hinter seinen Möglichkeiten, schafft aber sehr wichtige Einblicke in die Lebensrealitäten von schwarzen Mädchen.
Alles in allem also ein sehr abwechslungsreiches Kurzfilmset mit wichtigen Botschaften, die aber alle liebevoll verpackt sind und einen mit einem guten Gefühl aus dem Kino gehen lassen. Das Set bestärkt, klärt auf und bewegt. Eine starke Programmempfehlung meinerseits.
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Kurzfilme 2 KPlus
Dieses Kurzfilmprogramm ist deutlich ruhiger gehalten, hat durchaus ein paar Highlights, aber muss in der Gesamtheit der Kurzfilmprogramme dann doch zurückstecken.

Eröffnet wird das Kurzfilmprogramm direkt mit dem stärksten Film dieser Reihe: Little Rebels Cinema Club. Doddy, der bald in die Großstadt zieht, lädt seine Freund:innen zu einer besonderen Filmvorstellung ein. Eine Homage an das Kino und die Liebe zum Film. Mit vielen relevanten Inhalten für ein junges Publikum, während er gleichzeitig unterhaltsam, kurzweilig und gefühlvoll ist.

In einer Art „Road Movie“ begleiten wir Kaali auf Grönland in dem Film Anngeerdardardor auf der Suche nach seinem geliebten Hund. Was als Rätsel beginnt, hätte durch klarere Kommunikation eindeutig verhindert werden können. Auch die Botschaft des Films empfinde ich als ein bisschen fragwürdig. Statt etwa mit dem Vater zu kommunizieren, wird die Situation einfach so hingenommen. Ich hätte in dem Film deutlich mehr Potential gesehen, etwa die Landschaft Grönlands als Alleinstellungs-merkmal mehr hervorzuheben, und sich eine stärkere Story zu überlegen.

In Ruse begleiten wir drei jugendliche Mädchen in ihrem Nachmittag. Erste pubertäre Themen kommen hoch, doch alle sind noch sichtlich überfordert. Mit einem Tanz nähern sie sich der körperlichen und romantischen Liebe an. Ein sehr liebevoller Film, der trotz wenig Text viel vermittelt. Ein einfühlsames kurzes Portrait, das mich zurückversetzt in meine Jugend und mit einem wohligen Gefühl aus dem Film gehen lässt.

El Paso hat es leider nicht geschafft, mich abzuholen. Der Film ist 15 Minuten lang, und fühlt sich noch viel länger an. Wir begleiten zwei Jungen auf ihren Abenteuern in der Natur. Es fehlt jeglicher Faden oder Spannung. Auch ist für mich leider keine Botschaft erkennbar. Ein Film, in dem ich merke, dass ich nach so viel Kino-Input langsam abdrifte.

Dafür trifft dann in Juanita viel Leidenschaft aufeinander und rüttelt wieder wach. Die zwölf-jährige Juanita kommt langsam in die Pubertät und möchte sich gerne ihre Beine rasieren und ein bisschen freizügigere Tops anziehen, was auf viel Gegenwind bei ihrer Mutter stößt, die sie vor diesem Teil des Heranwachsens noch ein bisschen länger bewahren möchte. Zwei willensstarke Köpfe, die, wie es scheint, ganz unterschiedliche Dinge wollen, und es trotzdem schaffen, sich noch aufeinander zu besinnen. Kurzweilig, nachvollziehbar und unterhaltsam.
Mit diesem Auf und Ab meiner Meinung nach leider insgesamt das schwächste Kurzfilmset von Generation. Insbesondere Little Rebels Cinema Club und Ruse haben viel Potential, werden jedoch im Gesamtkonzept durch Anngeerdardardor und El Paso abgeschwächt. Das Set plätschert so vor sich hin, verliert sich schnell in langen Aufnahmen und überzeugt dadurch leider nicht ganz.
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Kurzfilme 1 14Plus

Dieses Kurzfilmprogramm beginnt mit dem Schwarz-Weiß-Film Ne réveillez pas l’enfant qui dort. Die Jugendliche Diamant fällt vor ihrer Zwangshochzeit in einen tiefen Schlaf, aus dem sie niemand erwecken kann. Die ungewöhnliche Situation bringt ihre Familie dazu, Entscheidungen zu hinterfragen und den Wert ihrer Tochter anders einzuschätzen. Der Film lebt von Close-Ups, in denen die Mimik der Personen die ganze Leinwand einnimmt. Die Musik, gut abgestimmt, liegt unheimlich und atmosphärisch darunter. Eine runde Geschichte, die zum Mitfühlen anregt.

Der nächste Film bleibt beim Thema Schlafen. In Julian and the Wind begleiten wir zwei Zimmernachbarn, von dem einer den anderen zutiefst bewundert, dieser ihn jedoch kaum wahrnimmt. Durch die hingebungsvolle Unterstützung während der Schlafwandelanfälle von Julian nähern die beiden sich an. Ruhig und beobachtend erzählt, ergibt sich eine stimmige und süße Gesamtgeschichte, die durch ihre Platzierung direkt hinter einem anderen „Schlaf-Film“ vielleicht ein bisschen gelitten hat.

Es geht ruhig aber eindrücklich weiter. Mit poetischen Bildern Lateinamerikas fängt Atardecer en América auf einer Meta-Ebene Migrationsgeschichten ein. Beispielhaft an der Geschichte einer Jugendlichen aufgehängt, spricht sie doch für so viele mehr. Symbolträchtige Bilder der Landschaft und der wandelnden Alpakas komplettieren das Werk. Kinematographischer Höhepunkt dieses Kurzfilmprogramms!

In einer gänzlich anderen Art durchbricht nun Sous ma fenêtre, la boue die bisher ruhigeren Abhandlungen. Mit Ausnahme einer Situation ist der Film fast komplett in blau-grau animiert, ein Widerspiegeln der tristen zwischenmenschlichen Stimmung, die der Film einfängt. Recht schnell ist die emotionale Auseinandersetzung auf 180: Missverständnisse, Erwartungshaltungen, aber auch der Wunsch, es richtig zu machen. Und darunter der Umgang mit einem depressiven Menschen. Der Film ist nahbar und berührt, während er den Konflikt auf beiden Seiten gut nachempfinden lässt.

Abschließend in diesem Programm der Film Fantas, in dem ein schwarzes Mädchen ihren Freund:innen aus der Vorstadt ihr Pferd zeigen möchte. Die Realität prallt auf Vorurteile, auf Welten, die sonst nie so zusammen dargestellt werden. Leider prallt das auch auf Ablehnung und eine Auseinandersetzung mit der Polizei, die niemand der Kinder und Jugendlichen so wollte. Im Verhältnis zu den anderen Filmen dieses Programms, eine sehr direkte Gesellschaftskritik durch den Verweis auf systematischen Rassismus und welch abstruse Ausmaße dies annehmen kann. Ein vermeintlich banales Beispiel, was jedoch genau dadurch die Absurdität unserer Gesellschaft verdeutlicht und hierdurch vielleicht Leute erreicht, die von anderen Filme nicht erreicht werden.
Alles in allem ein durchaus solides Kurzfilmprogramm, ausgewogener als das zweite 14Plus-Set. Man kann nicht wirklich etwas Schlechtes über die Filme sagen, in der Gesamtschau sticht dann jedoch auch keiner der einzelnen Filme wirklich heraus, vielleicht noch am ehesten das Majestätische im dritten Film, Atardecer en América.
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Kurzfilme 2 14Plus

Mit Quaker gibt es einen starken Auftakt zum Kurzfilmprogramm 2 von 14Plus. Wie auch das erste Kurzfilmprogramm beginnt auch dieses mit einem Schwarz-Weiß-Film. Wie die Schüler:innen in dem Film, kann auch das Publikum erst noch im Kinoprogramm ankommen. Unruhig bewegen sich die Schüler:innen auf ihren Sitzen, Spannung wird aufgebaut. Bis die erste Person sich überwindet und sich zu Wort meldet. Dann geht’s los. Es offenbart sich uns ein grandioses Schauspiel von allerlei Schlussfolgerungen, die die Schülerschaft über die Schulzeit resümiert. Lustig, kurzweilig und packend.

Es geht weiter mit einem anderen spannenden Gedankenexperiment in dem Animationsfilm Wish you were ear, in dem vergangene Liebesbeziehungen miteinander eins ihrer Körperteile austauschen. Folglich sind viele mit unterschiedlichen Farben gespickte Personen unterwegs. So auch der Protagonist, dem seine vielen unterschiedlichen Körperteile, und damit die offen zur Schau getragenen gescheiterten Beziehungen, unwohl sind. Eine amüsante Idee, die gleichzeitig berührt und eine schöne Reise zur Selbstakzeptanz darstellt.

Mit Arame Farpado erreicht dieses Kurzfilmprogramm vom Spannungsbogen her den Höhepunkt. Nach einem Unfall sieht sich ein Mädchen mit den Folgen des eigenen Handelns konfrontiert. Eine schwierige Situation, die jedoch gleichzeitig die Überwindung vorher unüberwindbarer Beziehungsgrenzen ermöglicht und eine erste Annäherung bewegt. Spannend und berührend, alle Emotionen einmal abgedeckt.

Mit Beneath Which Rivers Flow nun das komplette Kontrastprogramm. Sehr ruhig, sehr beobachtend, wenig Handlung, kinematographisch beeindruckend. Hier gingen die Meinungen innerhalb des Teams stark auseinander. Während es für Liv klar der beste Film des Sets war, schaffte er es nicht, Konstantin und mich abzuholen. Uns fehlte die Einordnung und der persönliche Bezug. Vielleicht kann euch da aber Livs Text Abhilfe schaffen.

Abschließend in diesem Programm dann Howl, in dem zwei beste Freundinnen, Daisy und Lila, ihre ersten Erfahrungen mit Parties machen. Was auf einer Seite nahbar ist, ist auf der anderen völlig unzureichend eingeordnet. Schon der Beschreibungstext ist hier kritisch zu sehen, da er dem Film viel mehr Tiefgründigkeit einräumt, ohne dass es zu einer solchen Erkenntnis in dem Film gekommen wäre. Stattdessen werden gesellschaftliche Zwänge aufgeführt, wie beispielsweise eine „schöne Vulva“ auszusehen habe, nämlich natürlich ohne dass die inneren Vulvalippen nach außen hin sichtbar sind — vermeintliche Schönheitsideale, die junge Mädchen unter Druck setzen und negativ beeinflussen. Das wird hier aber gar nicht weiter hinterfragt sondern als gegeben hingenommen. Eine der beiden schläft auf der Party dann mit einem Typen, scheinbar ohne es zu genießen. Als die andere Freundin das mitbekommt, wird das nicht etwa hinterfragt, sondern so akzeptiert und nicht weiter thematisiert. Die Frage ist für mich, was der Kurzfilm vermitteln wollte. Aspekte vom Heranwachsen junger Frauen? Okay, aber dann bitte kritisch eingeordnet und nicht auch noch glorifiziert.
Im Vergleich zum ersten Kurzfilmprogramm von 14Plus bietet dieses hier viel mehr Höhen und Tiefen, löst mehr Emotionen aus (im Guten wie im Negativen). Wer Abwechslung, Spannung und Emotionen möchte ist hier gut aufgehoben.


