Was würdest du tun, wenn du aufwachst, deine Nachrichten checkst und darin plötzlich ein Video deines nie zuvor gesehenen Vater entdeckst? Würdest du dich freuen? Hättest du Angst? „Paternal Leave“ von Alissa Jung gibt eine mögliche Antwort auf diese ungewöhnliche Frage. Der Film zeigt die 15-jährige Leo, die sich entscheidet, der Fährte nachzugehen und porträtiert dabei die neu entstehende Beziehung zwischen Leo und ihrem Vater. Zwischen Wut und Freude, Angst und Geborgenheit verführt der Film in die Geschichte einzutauchen und lässt die knapp zwei Stunden Film fast vergessen.
Mit einem Rucksack und jeder Menge aufgestauter Gefühle reist Leo heimlich zu ihrem italienischen Vater, den sie durch Zufall in einem Video im Internet entdeckt hat. Mit dem Ziel, Antworten auf all ihre unbeantworteten Fragen zu erhalten, setzt sie sich in einen Zug an die italienische Küste. Ihre ahnungslose Mutter bemerkt aufgrund einer weiteren langen Schicht auf ihrer Arbeit nichts davon. Angekommen entdeckt sie das Haus aus dem Video und findet ihren unvorbereiteten Vater vor. Paolo, der sich mittlerweile ein neues Leben aufgebaut hat und seine Vergangenheit längst für abgeschlossen hält, versteht jedoch auch ohne Worte schnell, wer da vor ihm steht. Er bietet Leo etwas zu Essen an, weicht jedoch ihrem Ansturm von Fragen, die sie fein säuberlich in einem Buch notiert hat, aus und wirkt sichtlich unwohl in seiner Haut. Schon bei diesem ersten Treffen wird der ausweichende Charakter Paolos klar kommuniziert. Er fühlt sich zwar schuldig genug, mit Leo ins Gespräch zu kommen, scheint jedoch nicht willens oder nicht in der Lage, Leos vehementen Wunsch auf Klarheit in ihrem von Unwahrheiten geprägten Leben zu besänftigen.
Nachdem das von Leo so lang ersehnte Gespräch keinerlei Antworten bringt, beschließt sie bei ihrem Vater zu bleiben und so lange zu warten, bis er ihre Fragen beantwortet. Die unbändige Art von Leo gibt dabei den entscheidenden Impuls. Paolo, der sein neu errichtetes Leben in Gefahr sieht, ist gegen Leos egoistischen Plan. Schuldgefühle und beginnende Sympathie halten ihn aber davon ab, sie zurückzuschicken.
Es beginnt ein langer und steiniger Weg der Konfrontation, der Vater und Tochter dazu zwingt, sich selbst besser zu verstehen und getroffene Entscheidungen zu hinterfragen. Die beiden scheinen in einem Kreislauf aus plötzlicher Annäherung und schmerzlicher Abstoßung stecken zu bleiben. Die einprägsame Divergenz zwischen den gefühlsbetonten Begegnungen und den verletzenden Auseinandersetzungen scheint zum Greifen nahe.
Zwischen den ergreifenden Momenten lockert der Film mit der neu gefundenen Freundschaft zwischen Leo und dem italienischen Jungen Edoardo die Stimmung. Sie erinnert an die schönen Seiten des Lebens, die vor gespannten Emotionen fast vergessen scheinen. Auch als Leo anfängt zu verstehen, dass ihr Vater sie nicht in sein neues Leben integrieren will, hilft Edoardo ihr trotz eigener Probleme mit seinem Vater, auf andere Gedanken zu kommen. Als Publikum lässt einem das eine Pause, die nötig ist, um sich dem Hauptkonflikt wieder vollständig zuwenden zu können, gibt aber auch einen Hinweis auf die Bedeutung von Freunden in einer solch schwierigen Phase.
Trotz langer und intensiver Gespräche und gemeinsamen Aktionen finden Leo und Paolo nicht ganz zusammen. Ich finde das gut. Es zeigt, dass Paolo der gleiche Erwachsene ist, der damals seine Familie verließ und keine Wunschvorstellung aus Leos verzweifelter Gedankenwelt, wie es so oft dargestellt wird. Es zeigt eine Situation, wie ich sie mir tatsächlich vorstellen kann und das ist, was mich an diesem Film am meisten beeindruckt. Ich bin aus diesem Film mit einer kleinen Träne und ganz viel zum Grübeln gegangen, und bin mir sicher, dass es damit nicht nur mir so geht. Ich denke, der Film ist für alle Altersklassen spannend und inspirierend. Er regt an, seine eigene Beziehung zu seinen Eltern bzw. Kindern zu hinterfragen und sich dadurch eventuell besser zu verstehen.

