eine Kritik zu „Sunshine“
Mehr zu dem Schwangerschaftsrecht auf den Philippinen könnt ihr hier lesen.
Sunshine steht auf der Turnmatte, auf ihrem Wettkampfsanzug prangt die philippinische Nationalflagge. Um sie herum wird alles still. Sie schließt die Augen, volle Konzentration. Musik setzt ein, Leute jubeln, Sunshine öffnet die Augen, lächelt und setzt zur Performance an.
In die philippinische Nationalmannschaft zu kommen und bei Olympia bei der Rhythmischen Sportgymnastik für ihr Land anzutreten ist Sunshine’s (Maris Racal) größter Wunsch. Seit über 10 Jahren trainiert sie dafür täglich, alles dreht sich um den Sport und ihr Ziel ist zum Greifen nahe – als sie plötzlich im Training ohnmächtig wird und durch den danach heimlich gemachten Schwangerschaftstest erfährt, dass sie schwanger ist. Völlig überfordert von der Situation muss Sunshine einen Weg finden damit umzugehen, denn auf den Philippinen sind Schwangerschaftsabbrüche illegal und ein Supportsystem ist nicht vorhanden. Und auch Sunshine’s Freund Miggy (Elijah Canlas) ist dabei keine große Hilfe, der die Verantwortung allein auf Sunshine schiebt und mit der Schwangerschaft nichts zu tun haben möchte. Auf sich alleine gestellt will Sunshine versuchen die Schwangerschaft irgendwie loszuwerden und sich gleichzeitig im Training nichts anmerken zu lassen, damit sie nicht aus dem Kader fliegt.

Was im ersten Moment wie ein Thema klingt, das im Generationsprogramm immer mal wieder aufgegriffen wird, entpackt sich als ein in 91 Minuten erzähltes, mitreißendes, gesellschaftskritisches Drama. Regisseurin und Drehbuchautorin Antoinette Jadaone schafft einen Film, der die prekäre Lage der Protagonistin einfängt, dabei offen kritisiert und gleichzeitig auch seinen Humor nicht verliert, sodass das Publikum begeistert und mitgenommen ist. Dabei werden geschickt gleich mehrere Themen von Jadaone angesprochen und kritisiert: zum einen natürlich das Abtreibungsrecht auf den Philippinen, nebenbei aber auch die Toxizität im Leistungssport (durch rügende Worte von Sunshine’s Trainerin – „du hast 2 Pfund zugenommen“ – „Vergiss alles nebenher, nur der Sport ist wichtig“) und soziale Ungleichheit.
Lange, sehr unangenehme und schwer auszuhaltende Szenen zeigen die harte Realität einer Gesellschaft, in der keine sicheren Abtreibungen durchgeführt werden können, wie zum Beispiel die Wirkung eines auf dem Schwarzmarkt besorgten Abtreibungsmedikament oder eine Fahrt ins Krankenhaus. Als Gegensatz dazu sehen wir aber auch immer wieder humorvolle Szenen und eine sehr kreative Visualisierung von Sunshine’s Unsicherheit und Gewissensbisse der Abtreibung gegenüber, und sehr ausdrucksstarke, emotionale Szenen, wie die zwischen Sunshine und ihrer älteren Schwester, die sie vollkommen unterstützt, nachdem sie von der Schwangerschaft erfährt.

Durch das Breitbildformat wird viel von der Umgebung eingefangen, durch die Sunshine’s Emotionen häufig mit ausdrückgedrückt werden. Überwältigt von Gefühlen und überfordert von ihrer Situation irrt Sunshine durch die lauten Menschenmassen auf dem Markt, dann wieder komplette Stille und ein ruhiger Hintergrund, bevor Sunshine im Training eine Performance übt. Das, und natürlich die herausragende Leistung der Hauptdarstellerin, sorgen dafür, dass die Gefühle und Sorgen einer jungen Frau, die mit einer ungewollten Schwangerschaft umgehen muss, authentisch vermittelt werden.
Die Handlung ist unvorhersehbar, was das Spannungsmoment aufrecht erhält. Zwischendurch entwickelt sich ein Nebenplot, als Sunshine auf ein anderes schwangeres Mädchen aus ärmeren Verhältnissen trifft, deren Platz im Storytelling sich mir Anfangs nicht ganz erschließt. Später erkenne ich aber, dass dieser andere Blickwinkel aus einer Perspektive ohne finanzielle Mittel oder unterstützende Familie den Film nur noch mehr bereichert. Und das verstärkt sich nur, als ich im Publikumsgespräch erfahre, dass Regisseurin Jadaone wahre Geschichten von jungen Frauen in ihrem Film erzählen wollte.
„Sunshine“ ist ein Film, der alles mitbringt. Ein gutes Storytelling, eine packende Geschichte, viel Sympathie mit den Protagonistinnen und ganz viel Systemkritik. Für mich auf jeden Fall ein Film mit Gewinnerpotential in der Sektion 14plus.
Ihr könnt „Sunshine“ auf der Berlinale noch hier sehen:
Fr. 21.2., 12:45h
Filmtheater am Friedrichshain
Sa. 22.2., 19:15h
Cubix 6
