Kritik, Hintergrundartikel und Gedicht zum Kurzfilm Atardecer en América
Und plötzlich drückt sich eine unkontrollierte Traurigkeit aus dem Bauch nach oben, und ich weine. Ich sitze da vor meinem Computer, mitten in der Recherche, und muss weinen. Ich sehe die Bilder des Kurzfilms wieder auftauchen, sehe die Landschaft – die Altiplano-Hochebene – verschwinden, die Menschen, Tiere und Natur verschwinden. Sehe Menschen sterben. Höre die Schlagwörter der Artikel, die ich gelesen habe: Venezuela – zweitgrößte Fluchtbewegung weltweit, 7,7 Millionen Menschen, dazu Klimaflüchtlinge, Trockenheit, Temperaturanstieg, 7.000 Kilometer von Venezuela nach Chile, Dunkelziffern.
„Atardecer en América“ – Sonnenuntergang über Amerika heißt der Kurzfilm, der mich so stark bewegt und zu der Recherche gebracht hat, in der ich jetzt stecke. Der Film von Matías Rojas Valencia wurde bei Generation im Rahmen der 75. Berlinale Filmfestspiele das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert.
Thema des Dokumentarfilms ist die Migrationsroute durch den Altiplano – eine Hochebene im Anden-Gebirge, die sich durch Bolivien, Peru, Chile und Argentinien zieht. Viele Menschen nutzen den gefährlichen Weg über die Anden, um in den südlicher gelegenen Ländern Zuflucht zu suchen. „Atardecer en América“ dokumentiert einen Tag im Leben einer Jugendlichen, die sich wie so viele andere Menschen auf der Flucht aus Venezuela befindet.
Durch Landschaftsaufnahmen der Region findet der Kurzfilm eine subtile und zugleich bewegende Form, das Thema zu verhandeln. Charakteristisch sind die langen, stillstehenden Totalen und bewusst ausgewählte Ausschnitte in der dokumentarischen Kameraarbeit. Die Bilder sprechen für sich: ein verlassener Koffer neben einem sprudelnden Bachlauf, ein einzelner Schuh zwischen farbigen Grashalmen, Plastiktüten wehen durch die Landschaft. Die Anwesenheit der Dinge zeigt auf, dass hier Menschen vorbeigekommen sind, die auf der Suche nach einem besseren, sichereren Leben waren und ums Überleben kämpften.
Eine fein zusammengewebte Soundkulisse aus O-Tönen (Meeresrauschen, grollender Donner, murmelnde Lamas) bildet den Klangteppich für die Stimme der jungen Erzählerin. In Voice-Over erinnert sie sich an die Überquerung der Hochebene. Ansonsten spricht nur die Landschaft. Und auch die junge Erzählerin sehen wir nicht sprechen, wir betrachten sie, während sie das Meer betrachtet. Wir hören sie erzählen, ohne sie erzählen zu sehen, sind ihr nah, ohne zu sehen, was ihre Augen während der Flucht gesehen haben. Es ist eine Erzählung, die nicht versucht, die Tragik der Migration filmisch auszubreiten. Vielmehr ist es ein Porträt der Region, welches sowohl die Schönheit als auch die bedrückende Funktion als Fluchtweg berührend einzufangen vermag. Melancholisch, aber nicht ohne Hoffnung wird die Leere spürbar, die sich auftut, wenn man sich zwischen Ländern, zwischen einem alten und einem neuen Leben bewegt.

„Atardecer en América“ hinterlässt in mir ein verbindendes Gefühl zur Altiplano-Region und zum Schicksal der Menschen, die sich durch diese Landschaft bewegen. Angeregt von diesem Gefühl beginne ich zu recherchieren und sehe, wie sich vor mir ein riesiges Geflecht aus politischer und sozialer Ungerechtigkeit, aus bedrohten Lebensweisen und Umweltzerstörung öffnet, das mich fast erschlägt. Wieso weiß ich das alles nicht? Wie kann es sein, dass mir niemand erzählt hat, dass mehr als sieben Millionen Menschen aus Venezuela geflüchtet sind? Dass das die zweitgrößte Fluchtbewegung der Welt ist? Es holt mich immer wieder ein, wie eurozentrisch die deutsche Berichterstattung, das deutsche Bildungssystem ist. Deswegen im Folgenden nun ein kleiner Einblick in die Recherche:
Warum fliehen Menschen aus Venezuela?
Venezuelas Geschichte ist geprägt von Kolonialismus, Diktatur und Militärregimen. Durch den Verkauf von Erdöl war Venezuela in den 70er- und 80er-Jahren kurzzeitig eines der wohlhabendsten Länder Südamerikas, stürzte aber kurz danach in eine schwere Wirtschaftskrise. Die anhaltende humanitäre Notlage ist zurückzuführen auf massive Korruption, sinkende Ölpreise sowie systematische Verletzungen der bürgerlichen und politischen Rechte. Seit dem Amtsantritt von Präsident Maduro 2013 ist die Wirtschaft um ein Drittel geschrumpft. Durch Hyperinflation ist das Geld praktisch wertlos. Armut und Hunger sind die Konsequenz. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, und die Kriminalität ist stark angestiegen. 7,7 Millionen Menschen haben seit Beginn der Krise das Land verlassen – das ist über ein Fünftel der Bevölkerung. Die meisten nehmen den Weg über die Altiplano-Hochebene in der Hoffnung, Zuflucht in stabileren Ländern wie Peru oder Chile zu finden.
Die Altiplano-Region
Die Altiplano-Hochebene ist eine große, hochgelegene Ebene in den Anden von Bolivien, Peru, Chile und Argentinien. Sie liegt auf 3.500–4.500 Metern über dem Meeresspiegel und ist nach dem tibetischen Hochland die zweithöchste bewohnte Hochebene der Welt. Der Altiplano ist eine der trockensten Regionen der Erde. Die Region ist geprägt von Vulkanen, Salzwüsten, Hochlandseen und trockenen Ebenen. Da der Sauerstoffgehalt niedrig ist und Wasser knapp, sind Pflanzen extrem widerstandsfähig.
Der Klimawandel hat extreme Auswirkungen auf die Anden-Region. Nicht nur das Abschmelzen der Gletscher (der Chacaltaya-Gletscher in Bolivien ist bereits komplett verschwunden), sondern vor allem die extreme Trockenheit bedroht Mensch und Natur im Altiplano. Der Altiplano erwärmt sich stärker als der globale Durchschnitt, und Wetterextreme wie lange Dürreperioden und starke Regenfälle mit Überschwemmungen belasten die Region zusätzlich. Aufgrund der Klimakrise steigt die Binnenmigration in der Altiplano-Region. Die Zahl der Klimaflüchtlinge steigt weltweit. In den letzten zehn Jahren sind 220 Millionen Menschen durch klimabedingte Katastrophen zur Flucht innerhalb der Landesgrenzen gezwungen worden.
Die Migrationsroute über die Altiplano-Hochebene
Auf dem Altiplano in 3.600 Metern Höhe sind die Flüchtlinge extremen Bedingungen ausgesetzt, auf die viele nicht vorbereitet sind. Seit 2021 sind offiziell 27 Menschen auf der Route gestorben – viele an Unterkühlung. Es wird von einer weit höheren Dunkelziffer ausgegangen. Mit der steigenden Zahl an Menschen, die ihr Land verlassen, wächst die Not, da entlang der Fluchtrouten sauberes Wasser und Nahrung fehlen.
Ich wische die Tränen weg. Versuche, Trost zu finden im Schreiben. Trost darin, dass es Menschen gibt, die solche Filme machen und mich dazu bewegen, mich mit dieser seltsamen Welt, in der wir leben, auseinanderzusetzen. Das ist eine der größten Stärken des Films. „Cinema is a tonic for the soul“, sagt Tilda Swinton in ihrer Rede bei der Verleihung des diesjährigen Berlinale-Ehrenbären. Vielleicht keine Medizin, keine cure, aber Kino kann uns berühren, anregen, auch zur eigenen Auseinandersetzung. Mich führt das immer wieder zum Schreiben. Die Berührung eines Films anzunehmen, zu beschreiben und in neuer Form – ob als Fließtext oder Gedicht – weiterzugeben, empfinde ich jedes Mal aufs Neue als bereichernde Möglichkeit der Reflexion.
Ein Bild aus „Atardecer en América“ ist mir besonders geblieben: Wie sich eine Lamaherde von rechts nach links durch den Altiplano bewegt, und für einen Moment ist es so, als würden sie Migrationsströme nachzeichnen, als würden sie rufen: „Auch wir sind in Bewegung, müssen bald weiter. Es wird immer wärmer werden.“
leere legt sich über die hochebene
wir sehen die schönheit der landschaft und sehen sie nicht
warten bis es dunkelt
und es uns weiter zieht
wir tragen die bewegungen der lamas in uns
bis wir zurück nach hause können
.
el vacío se extiende sobre la meseta
vemos la belleza del paisaje y no la vemos
esperar hasta que oscurezca
y nos tire adelante
llevamos los movimientos de las llamas dentro de nosotros
hasta poder volver a casa
Artikel und Gedicht zu „Atardecer en América“ von Liv Thastum
Übersetzung ins Spanische: Felix Ernst
Quellen
Kirche in Chile zeigt Film über Notlage der Migranten – Blickpunkt Lateinamerika
Leerstehende Häuser: Klimakrise und Migration im Altiplano | Informationsstelle Peru e.V.
Klimawandelanpassungen der Landwirtschaft im Hochland der Anden – gs-klimawandelanpassung
Venezuelan refugee crisis – Wikipedia
Venezuela Krise: Zweitgrößte Flüchtbewegung weltweit
