Filmstill aus "A Fabulosa Máquina do Tempo"

Es ist Zeit

Ein Rauschen. Erst ganz leise, kaum vom Wind zu unterscheiden, dann immer stärker, es zischt und braust. Ein Flackern, grelles Licht leuchtet auf und erlischt, es klackert und klickt – bis sich schließlich langsam eine Art Tür öffnet und dichter Dampf in den Abendhimmel steigt.

„Glaubst du, Zeitreise gibt es wirklich?“

Die Zeitmaschine ist das titelgebende Mysterium des diesjährigen Kplus-Eröffnungsfilms A Fabulosa Máquina do Tempo, der sich aus der Perspektive der 10-jährigen Manuellinha und ihren Freundinnen unter anderem durch Fragen nach Vergangenheit und Zukunft damit beschäftigt, was es eigentlich bedeutet, erwachsen zu werden.

Auch wir haben uns nach dem Film noch einmal intensiver mit diesen Fragen auseinandergesetzt und gemeinsam verschiedene Eindrücke als kurze Texte gesammelt, die wir hier mit euch teilen wollen.

Und gleichzeitig bietet sich immer wieder die Gelegenheit, zwischendurch selbst eine Zeitreise durch unsere bisherigen Berlinalejahre zu unternehmen.

Beginnen wir also ganz am Anfang:

„Am Anfang war alles dunkel. Dann hat Gott angefangen zu spielen und sich alle Dinge ausgedacht. Er hat den Mann aus Lehm erschaffen und die Frau aus dem Mann … Wären Frauen anders, wenn sie auch aus Lehm erschaffen worden wären?”

Die christliche Schöpfungsgeschichte rechtfertigt bis heute die Unterdrückung von Frauen. Der Allmächtige Schöpfer schuf die Frau von Anfang an als Untergeordnete zum Mann. Durch die Schlange verführt und gierig nach mehr, begeht Eva die größte Sünde der christlichen Geschichte und wird, wie alle kommenden Frauen mit ihr, mit der Fähigkeit zu gebären bestraft. 

Auch für Manuellinha und ihre Freundinnen ist Fruchtbarkeit und das “zur Frau werden”, eher wie eine Bestrafung. In dem Umfeld, in dem sie aufwachsen, scheint es als einzige Möglichkeit, Mutter zu werden und allein Care Arbeit zu übernehmen, mit wenigen Möglichkeiten auf Selbstständigkeit und Freiheit. 

Entgegen all der Macht, die eine gottgegebene Ungleichheit hält, finden Manuellinha und ihre Freundinnen, durch Träume und Freundinnenschaft, eigene Perspektiven und Stärke.

Liv Heyden

Unser Anfang liegt schon ziemlich lange zurück, einen der ersten Artikel haben Johanna, Liv und Sarah auf der Berlinale 2013 gemeinsam zum Dokumentarfilm Tough Bond geschrieben. Aus demselben Jahr – dem ersten fGR-Jahr – stammt auch dieses Interview mit einer Ticketverkäuferin und einem Securityman, ein Blick hinter die Kulissen. Viel Spaß mit der Reise zum Ursprung!

Wenn wir zurückspielen könnten

„Wenn wir eine Zeitmaschine hätten, könnten wir dann mit Menschen spielen, die erwachsen geworden sind und nicht mehr spielen?“
Auf sensible und eindrückliche Art dokumentiert A Fabulosa Máquina do Tempo den Übergang vom Kind zum Teenager und richtet seinen Blick dabei vor allem auf die, die immer noch spielen, die noch in Bäume klettern und Welten erfinden. Der Film trifft genau den Punkt des Aufwachsens, an dem man weiß, dass sich bald etwas ändern wird. Die beste Freundin hat schon aufgehört zu spielen. Die große Schwester auch. Ein Mädchen sagt: „Ich will kein Teenager werden. Die spielen nicht mehr, die gucken nur noch aufs Handy.“ Ab wann bin ich kein Kind mehr? Die Frage wird eine politische im Kontext des ruralen Brasiliens, wo große Schwestern Care-Arbeit übernehmen und junge Mädchen schon mit 14 Kinder bekommen. Kann, soll, darf man jetzt noch spielen? A Fabulosa Máquina do Tempo zeigt die Herausforderungen, denen sich junge Mädchen stellen müssen und ist zur gleichen Zeit ein liebevolles Plädoyer für das Spielen. Denn wer sagt uns eigentlich, dass wir irgendwann damit aufhören müssen?

Liv Thastum

Auch unsere ältesten Redaktionsmitglieder waren mal Kinder, die neben dem Spielen mit der Berlinale aufgewachsen sind, über Filme berichtet und Interviews geführt – oder sogar gegeben haben. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist dieses Interview aus dem Jahr 2017.

Filmstill aus "A Fabulosa Máquina do Tempo"

© Carol Quintanilha

„Ich bin froh noch keine Frau zu sein“, sagt eine Protagonistin in A Fabulosa Máquina do Tempo. Frau werden bedeutet, sich den Männern unterzuordnen, aufhören zu spielen und die Freiheiten eines Kindes zu verlieren. Das sehen die Mädchen bei ihren Müttern, älteren Schwestern und Freundinnen, die schon in die Pubertät gekommen sind. Trotz der Angst, erwachsen und somit eine Frau zu werden, träumen die Mädchen von einer Zukunft, die nicht so aussieht wie die der älteren Frauen. Jetzt, wo sie noch Kinder sind, sind ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Der Film gibt den Mädchen den Raum, ihre Träume und Zukunftsvorstellungen zu teilen. Das Thema erwachsen zu werden beschäftigt die Mädchen sehr. Für sie ist es eine weit entfernte Realität, eine ihnen unbekannte Welt, in die sie noch nicht eintreten wollen. Viel mehr, als erwachsen zu werden, geht es ihnen darum, Frauen zu werden. Sie ahnen, dass sie, sobald sie diese unsichtbare Grenze in die Pubertät überschritten haben, von der Gesellschaft anders wahrgenommen werden.

Irgendwo zwischen Scham und Stolz werden die Protagonistinnen aus  A Fabulosa Máquina do Tempo von Kindern zu Frauen. 

Hannah Everitt

Mit dem Thema Frauwerden, besonders im Zusammenhang mit Religion befasst sich auch der spanische Kplus-Film Las niñas aus dem Jahr 2020. Sarah hat damals die Hauptdarstellerinnen interviewt und nach ihren Eindrücken und Gedanken zu den Thematiken des Films befragt.

Emotionaler Gesang durch Lautsprecher beschallt die ganze Straße. In kleinen Orten eröffnen viele selbsternannte Prediger in einer Garage, mit ein paar Mikrofonen und Plastikstühlen ihre eigene evangelikale Kirche in der Aussicht auf ein gutes Geschäft.

Auch in A Fabulosa Máquina do Tempo ist eine evangelikale Kirche ein wichtiger Bestandteil im Leben der Protagonistinnen. Sie prägt die Weltanschauung ihrer Umgebung und bestimmt ihren Alltag. Anders als in Deutschland, besteht in Brasilien die igreja evangelica aus einem Spektrum an verschiedenen evangelikalen Kirchen, hauptsächlich aber Angehörige der Pfingstbewegung, die für konservative Positionen und den politisch rechten Flügel der Gesellschaft stehen. Der Prediger Silas Malafaia ist durch seine Präsenz in den Medien und in der Politik ein Multi-Millionär geworden. Er unterstützte den ehemaligen ultra-rechten Präsidenten Jair Bolsonaro bei seinem Wahlkampf und veranstaltete auch Bolsonaros ersten Auftritt nach seiner erfolgreichen Wahl zum Präsidenten. 73% der Anhänger der evangelikalen Kirchen stimmten für Bolsonaro (Deutschlandfunk). Viele von Bolsonaros Ideologien werden stark in diesen Kirchen verbreitet: von Frauenfeindlichkeit, Verteufelung von Abtreibung und die Reproduktion von Gewalt gegen Frauen bis zu Homophobie und die Fokussierung auf ein stereotypes traditionelles Familienmodell.

Als Gegenleistung für die politische Propaganda unterstützte auch Bolsonaro die evangelikalen Kirchen u.a. mit Steuergeschenken – die Kirche darf dadurch noch mehr Geld behalten, obwohl sie sowieso bereits viel eingenommen hat. Das “Kirchebetreiben” ist nämlich ein gutes Geschäft: Die Mitglieder zahlen viel, von dem wenigen was sie haben, weil der göttliche Schutz und der göttliche Segen, den die evangelikalen Kirchen versprechen oft als der einzig mögliche Ausweg aus persönlichen Schwierigkeiten präsentiert und diese Kirchen damit zum Eingangstor für eine Verschleierung von Machtverhältnissen werden.

Ein Zehntel des eigenen Einkommens zu spenden ist in vielen dieser Kirchen moralisch verpflichtend. Zusätzlich verdienen die Kirchen durch die Produktion und den Verkauf von Büchern, Lehrmaterial, Audio- und Videoaufnahmen erheblich durch den moralisch motivierten Konsum ihrer Mitglieder. Inzwischen ist rund ein Drittel der brasilianischen Bevölkerung Teil dieser evangelikalen Kirchen und die Zahl steigt stetig.

Durch Religion rechte politische Propaganda zu verbreiten und es zu einem Geschäft zu machen, Menschen aus schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen die Hoffnung nach einem besseren Leben kaufen zu lassen, ist in Brasilien – aber auch in vielen anderen Ländern der Welt – leider weit verbreitet.

Anouk Segebart

Über den ehemaligen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro hat auch Liv 2019 in ihrem Hintergrundartikel berichtet, als dieser gerade die Wahlen gewonnen hatte.

Nun beginnt also mit diesem besonderen Film die 49. Ausgabe von Generation im Rahmen der 76. Berlinale – wir sind auf jeden Fall jetzt schon voller Vorfreude und genießen die immer mehr aufkommende, unvergleichbare Berlinale-Atmosphäre. Und wie könnte man das schöner beschreiben als Johanna 2020 in ihrem Eröffnungsartikel – wir freuen uns auf das Filmeschauen, Diskutieren und gemeinsame Menschsein.

Ein wunderschönes Festival euch allen!

Quellen:

Bolsonaro und die evangelikalen Pfingstkirchen – Gott über alles?

Brasiliens evangelikale Kirchen und ihr Einfluss auf die Politik – Rosa-Luxemburg-Stiftung

Brazil’s evangelicals stand with President Bolsonaro – The World from PRX

Evangelikale in Brasilien: Wie sie ihre Macht auf Politik und Gesellschaft nutzen

Brasiliens evangelikale Kirchen boomen | DW Reporter

  • Leo

    Leo ist 17 Jahre alt, macht gerade sein Abitur und ist für verrückte Ideen immer schnell zu haben. Auch eines kalten Winterabends das allerletzte Screening der Generations-Sektion der Berlinale 2022 zu besuchen, ohne die geringste Vorahnung, was ihn erwartet. Seitdem ist er mit viel Liebe und Begeisterung bei der Berlinale dabei, und dieses Jahr zum zweiten Mal mit den fGR. Leo liebt Filme, interessiert sich besonders für Filmmusik und hat großen Spaß daran eigene kleine Filmprojekte umzusetzen - dieses Jahr freut er sich auf ganz viel neue Inspiration und Begegnungen!

    Alle Beiträge ansehen
  • Liv Heyden
  • Liv Thastum

    Liv Thastum, *1997 in Berlin, beendet zurzeit den Master Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Sie war unter anderem für die Medien Litradio, Pfeil&Bogen und die dänische Zeitung Arbejderen tätig. Seit 2013 schreibt und leitet sie die Freien Generation Reporter:innen. Ihre deutschen und dänischen Texte wurden in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht und mehrfach ausgezeichnet. 2024 wurde sie für den 32. Open Mike nominiert und war Preisträgerin des WORTMELDUNGEN Förderpreises.

    Alle Beiträge ansehen
  • Hannah Everitt
  • Anouk Segebart

    Anouk ist dieses Jahr das dritte Mal Teil der Freien Generation Reporter*innen. Sie liebt die Berlinale, weil hier Menschen aus den verschiedensten Orten, aus diversen Lebenssituationen und mit einzigartigen Geschichten zusammenkommen und sich dadurch unsere Perspektiven öffnen und erweitern können. Außerhalb der Berlinale liebt sie es auch eigene Filme zu machen und freut sich daher besonders bei den Generation-Reporter*innen audiovisuell auf Instagram beizutragen!

    Alle Beiträge ansehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert