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Stille Wasser und Systemkritik

Das Stimmengewirr ist groß, zwischen den Filmen wird viel gelacht, aber auch währenddessen – teils zu unpassenden Momenten. Es ist Montag, 9:30 Uhr, im Zoopalast 1. Wir sitzen inmitten diverser Schulklassen, die das Kurzfilmprogramm 3 von KPlus schauen. Wie immer bewundere ich die Lehrkräfte, die es auf sich nehmen, Schüler:innen von der Schule zum Kino und zurück zu begleiten, den Überblick behalten und für Ruhe sorgen. Sich den ganzen Stress antun, damit die Kinder zu den für sie vorgesehen Generationvorstellungen kommen können. Und hoffe inständig, dass im Anschluss Zeit bleibt, die Themen mit den Kindern durchzugehen.

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© Roopa Gogineni

Los geht es im Kurzfilmprogramm 3 mit Riding Time von Roopa Gogineni und Farhaan Mumtaz. Die beiden Regisseure waren zu Coronazeiten auf der Suche nach einer Möglichkeit, Zeit in der Natur zu verbringen, und stießen auf den Reitsport Neza Bazi, auch Tent Pegging genannt. Der dokumentarische Kurzfilm begleitet den anfangs dreizehnjährigen Jaleal und seinen Sport in Bradford, UK. Hier wird Neza Bazi innerhalb der britisch-pakistanischen Community immer beliebter. Über drei Sommer lernt das Publikum den Sport kennen. Während der Einblick in die Gemeinschaft, die Kultur und den Sport spannend ist, fehlt mir eine Ebene. Vielleicht ist es die Handlung – Jaleal wird in den Fokus gerückt, eine Nähe baut sich über die Dauer des Films jedoch nicht auf. Es fühlt sich für mich eher an wie eine Collage aus Eindrücken als wie eine Geschichte mit rotem Faden. Abseits der Vorstellung des Sports fehlt mir am Ende der Sinn. Die einfühlsamen Kameraeinstellungen und die Menge an Informationen und Eindrücken ergeben dennoch einen sehenswerten Kurzfilm.

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© This and That Productions 

Imaginäre Zahlen von Jelica Jerinić bietet hingegen, was mir zuvor fehlte: eine runde Geschichte.  Ganz ohne musikalische Untermalung wird das Bild einer rührenden Vater-Tochter-Beziehung gezeichnet. Mirna (Maša Radusin) reist mit ihrem Vater Milan (Goran Bogdan) zu einem Mathe-Wettbewerb. Schnell wird klar, dass Milan aufgeregter als seine Tochter ist, sie mit aller Kraft unterstützen möchte – und das, obwohl ihr Erfolg sie auf lange Sicht in eine Welt entführen könnte, die ihm fremd und alles andere als lieb ist. Als Mann aus der Arbeiter:innenklasse ist er seit Jahrzehnten in der Gewerkschaft aktiv und hat für das System, das Korruption und Ausbeutung zulässt, wenig übrig. Unaufgeregt und ehrlich verfolgt Imaginäre Zahlen die beiden auf diesem gemeinsamen Lebensabschnitt. Und lässt das Publikum mit einer wichtigen Botschaft zurück: Es lohnt sich immer, gegen Unrecht Einspruch zu erheben. Und es ist wichtig, auf das eigene Gefühl zu vertrauen.

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© Bill Plympton

Zwiegespalten lässt mich Whale 52 von Daniel Neiden zurück. Ein älterer Herr engagiert sich an einer Schule und ist einem selektiv stummen Kind, Enam, zugeteilt. Über ein Notizbuch kommen sie letztendlich ins Gespräch, angefangen mit der Geschichte über einen einsamen Wal, der auf einer Frequenz kommuniziert, die andere Wale nicht wahrnehmen können. Obwohl ich mit dem Zeichenstil so gar nichts anzufangen weiß, berühren mich die drei Einzelschicksale, die der Film aufgreift und miteinander verwebt, wie kein anderer Kurzfilm in diesem Programm. Während das Gespräch sich lediglich um den Wal dreht, kommen die Gefühle der beiden Hauptpersonen in immer größeren Wellen zum Vorschein, die sich am Ende explosionsartig entladen. Illustrator Bill Plympton erzählt im Anschluss, dass es sein erster Film ist, bei dem so viele Menschen im Publikum geweint haben. Ich kann verstehen, warum. Es ist jedoch nicht dieses Publikum, bestehend aus Schulklassen, die zumindest beim ersten Schauen so einiges nicht verstehen. Das wird auch im Publikumsgespräch klar – und beim Gelächter während einer der herzzerreißendsten Szenen. Es ist insbesondere dieser Film, der mich hoffen lässt, dass die begleitenden Lehrkräfte sich die Zeit nehmen, mit ihren Schüler:innen über die Filme zu sprechen. Denn Whale 52 verbirgt eine so wichtige Botschaft, die für so manches Kind erst im Gespräch entschlüsselt werden muss.

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© Oh Jiin

Die Energie des letzten Films Speedy! von Oh Jiin ist eine gänzlich andere. Es ist das Jahr 1989, das Mädchen Jung-min wird von Vater und Tante zu einem Schnelllesekurs geschickt, um bestens für eine erfolgreiche Zukunft gerüstet zu sein. Die fragwürdigen und unkonventionellen Methoden schrecken sie zunächst ab, doch nach einer Vorführung des Schnelllesewunderkinds Dong-hyun, der ein Buch in 60 Sekunden lesen und wiedergeben kann, stürzt sie sich in das Training. Speedy! hat mich absolut überzeugt und gleichzeitig mit einem mulmigen Gefühl zurückgelassen. Mit Farbgebung und Kameraauflösung wird gekonnt das Gefühl eines 80er-Jahre Films geschaffen. Die Charaktere sind überzogen dargestellt, fast karikativ. Häusliche Genderrollen werden umgedreht. Es ist ein Abenteuer, auf das man sicher als Zuschauer:in einlassen muss. Nur um am Ende mit einem Schlag ins Gesicht klarkommen zu müssen. Es ist Systemkritik auf herausragende Art und Weise. Ich bin noch immer mitgenommen, aber weiterhin begeistert von diesem Finale.

Die Kurzfilmrolle 3 hält eine Achterbahn der Gefühle parat. Zu recht ist es das Kurzfilmprogramm mit der höchsten Altersempfehlung (12 Jahre). Kinder haben hier einiges zu verarbeiten und einige Themen benötigen meiner Meinung nach mehr Einordnung, als im Rahmen des Publikumsgesprächs im Anschluss geboten werden kann – zumal auch Schulklassen mit deutlich jüngeren Kindern vor Ort waren. Älteren Jugendlichen und Erwachsenen möchte ich dieses Kurzfilmprogramm uneingeschränkt ans Herz legen. Jüngere Kinder sollten bestenfalls mit erwachsenen Bezugspersonen hingehen, die am Ende des Tages genügend Zeit und Raum geben, über die gesehenen Filme zu sprechen.

  • Johanna

    Johanna, 26, geht schon seit sie denken kann mit ihrer Schwester auf die Berlinale. 2013 wurde sie zum Gründungsmitglied der freien Generation Reporter:innen. Wenn sie nicht gerade über die Filme und Hintergründe des Generationprogramms schreibt, singt sie im Chor und verschlingt ein Buch nach dem anderen. Nebenbei studiert sie auch im Master Ernährungsmedizin in Lübeck.

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