Hier Lese ich meinen Hintergrundartikel als Podcast-Folge:
Das Wasser steigt und steigt, bis die Fassaden der Stadt unter ihm ertrinken. Die Flut wäscht die Gemeinschaft weg, die Einkommensmöglichkeiten, das Land, das Zuhause, die Heimat. Und die Leiche der Frau, die das alles verhindern wollte. Und die Leichen der zwei Männer, die für indigene Rechte kämpften. Und die Leichen der Opfer der steigenden Gewalt in den überforderten und unter-ausgestatteten Nachbarorten. Aus dem Wasser wird Energie und durch den Strom sammelt sich das Geld in den Taschen einzelner Privilegierten.
Feito Pipa

Gugu ist ein elfjähriger Junge, der in der Gemeinde Quixadá im Bundesstaat Ceará in Brasilien aufwächst. Seit dem Tod seiner Mutter lebt er mit seiner Oma Dilma und fühlt sich bei ihr wohl und frei. Immer wieder gehen die beiden an das Ufer des Stausees von Quixadá. Durch die intensive Trockenzeit, die der Ort erlebt, sinkt der Wasserspiegel kontinuierlich und langsam werden die Dächer von Gebäuden unter dem Wasser erkennbar.
(Dilma und Gugu: https://www.adorocinema.com/filmes/filme-1000015851/)
Während sich der Wasserstand verändert, verändert sich auch die mentale Verfassung von Dilma, deren Demenz immer weiter fortschreitet, gekoppelt an panische Wahnvorstellungen von Menschen, die kommen, um ihre Tochter – Gugus Mutter – umzubringen.
Es wird immer klarer, dass diese Vorstellungen von Dilma des Mordes ihrer Tochter aus einem echten Trauma stammen: Gugus Mutter hatte gegen den Dammbau protestiert, der zur Überschwemmung eines großen Teils des Ortes geführt hatte. Wegen ihres Widerstands wurde sie ermordet.
Obwohl der reale Damm in Quixadá schon 1882-1906 gebaut wurde und – soweit bekannt – keine Geschichte von Vertreibung und Mord erzählt, ist der Mord an Umweltaktivist*innen in Brasilien dennoch ein riesiges Thema. 2024 stand Brasilien weltweit an 4. Stelle in Bezug auf Morde an Umweltaktivit*innen. (12 von den 142 Weltweit) Die meisten dieser Morde finden im amazonischen Regenwald statt, wo Aktivist*innen, die sich gegen Umwelt und Gemeinschaft zerstörende Infrastruktur- oder Rohstoffprojekte einsetzen, ermordet werden. In diesem Artikel will ich anhand von zwei Beispielen, dem Belo-Monte-Wasserkraftwerk und dem Mord an Bruno Pereira und Dom Phillips, die Relevanz der Hintergrundgeschichte von Feito Pipa verdeutlichen.
Belo Monte
In Quixadá, dem Ort, in dem Feito Pipa spielt, ist die Überschwemmung der Siedlung zwar fiktional, aber in der Umgebung der Stadt Altamira, gelegen im Bundesstaat Pará, umgeben vom amazonischen Regenwald Brasiliens, ist die Überschwemmung echt.
2016 wurde in der Umgebung von Altamira der hydroelektrische Damm „Belo Monte“ im Xingu-Fluss eröffnet. Er ist der drittgrößte Damm der Welt. Infolge des Baus wurden einige Flussabschnitte trockengelegt, andere Regenwald- und Siedlungsflächen überflutet. Zwanzigtausend Menschen, die von den Überflutungen betroffen waren, mussten umsiedeln. Einige kamen in Ausweichsiedlungen unter, die von der Betreiberfirma des Staudamms, „Norte Energia“, zur Verfügung gestellt wurden.

(Hydroelektrischer Damm „Belo Monte“ von Bruno Baptista: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:09_09_2021_Visita_àUsina_Hidrelétrica_Belo_Monte%2851443381900%29.jpg)
Die neuen Häuser waren jedoch teilweise deutlich kleiner als die überschwemmten. Andere Bewohner*innen mussten in abgelegenen Orten ihr Zuhause neu aufbauen, getrennt von dem gemeinschaftlichen Zusammenleben, das sie sich in ihren überschwemmten Siedlungen aufgebaut hatten. Auch die Einkommensquellen vieler Menschen litten unter dem neuen Damm.
In der Region lebten viele, die ihren Lebensunterhalt mit Fischfang verdienten. Auch für die umliegenden Indigenen Völker – darunter, laut Survival International, die Kayapó, Arara, Juruna, Araweté, Xikrin, Asurini und Parakanã – war der Fischfang eine wichtige Lebensgrundlage.
Durch den Damm wurden wichtige Nahrungsquellen auf der anderen Seite der Staumauer für Fische unzugänglich. Viele ihrer Brutstätten wurden durch die künstlich erzeugte Flussumleitung trockengelegt. Zudem sank der Sauerstoffgehalt im Wasser deutlich, was die Lebensbedingungen für Fische massiv erschwerte. Seit der Eröffnung des Damms starben große Mengen an Fischen. Laut einer Studie des Forschers Antonio Ostrensky Neto von der Bundesuniversität Paraná wurde in den Häfen ein Rückgang des Fischfangs um 62,6 % dokumentiert.
Abgesehen von den katastrophalen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen stieg auch die Gewalt in der Region rasant an. Laut Angaben der Datenbank des brasilianischen Gesundheitssystems Datasus wurden im Jahr 2000 acht Menschen in Altamira ermordet. Im Jahr 2015 – ein Jahr vor der Fertigstellung des Bauprojekts – waren es bereits 135 Mordopfer. Damit wurde Altamira unter allen brasilianischen Städten mit mehr als 100.000 Einwohner*innen als die Gemeinde mit den höchsten Raten an Mord- und gewaltsamen Todesfällen unbekannter Ursache dokumentiert (Bericht 2017 des brasilianischen Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung (IPEA), bezogen auf Daten aus dem Jahr 2015).
Neben Mord traten auch zahlreiche andere Formen von Gewalt auf. Grund für den rasanten Anstieg war ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Zum einen fehlte der Stadt die Infrastruktur, um mit zwei großen Migrationswellen umzugehen – den rund 15.680 Arbeiter*innen (Lateinamerika-Nachrichten), die für den Dammbau angeworben wurden, sowie den etwa 20.000 umgesiedelten Menschen aus dem Belo-Monte-Becken. Bereits während der Bauarbeiten gab es zu wenige Wohnungen und ein unzureichend ausgebautes Gesundheitssystem. Nach Abschluss der Bauarbeiten wurden viele der Angestellten arbeitslos. Aus dieser Arbeitslosigkeit heraus entstanden neue kriminelle Erwerbssektoren, unter anderem Drogenhandel und Prostitution, mit denen sich Menschen zumindest ein Einkommen sichern wollten. In Kombination mit mangelnder staatlicher Regulierung der Region und geringer strafrechtlicher Verfolgung stieg die Gewalt in Altamira massiv an.
Und selbst heute ist die Gewalt noch nicht unter Kontrolle. Im aktuellsten Bericht des IPEA aus dem Jahr 2024 wird Altamira weiterhin als die Stadt mit der sechsthöchsten Mordrate unter allen brasilianischen Städten mit mehr als 100.000 Einwohner*innen geführt.
Darüber hinaus erfüllte „Norte Energia“ die Bedingungen der Baugenehmigung nicht vollständig. In dieser hatte die Firma versprochen, die Stadt am Gewinn des Kraftwerksbetriebs zu beteiligen, ein ausgebautes Abwassersystem zu schaffen und einen Nachhaltigkeitsentwicklungsfonds für die Region aufzustocken. All diese Zusagen müssen bis heute kontinuierlich von der Bevölkerung erkämpft werden.

Kaingang, eine indigene Frau aus der Region, sagte in einem verschriftlichten Interview: „(…) the Brazilian State violates a major component of its work on international commitments, which states that indigenous peoples have the right to be consulted once this type of project affects them.“ (Raoni.com).
(Menschen masse formt die Wörter „Stop Belo Monte“. Mario Tama: http://mandalaprojects.com/ice/ice-cases/belomonte.htm)
Die Indigenen Völker der Region wurden nicht vor der Ausstellung der Baugenehmigung konsultiert, es wurde also kein sogenanntes FPIC (Free, Prior and Informed Consent) durchgeführt– ein klarer Verstoß gegen die UN-Menschenrechte. Zahlreiche Proteste fanden statt, indigene Gruppen warnten vor den Folgen für Umwelt und Gesellschaft, doch der Damm wurde dennoch wie geplant gebaut.
Im Nachhinein wird deutlich, wie der Großkonzern „Norte Energia“ mit großem Budget investierte und Profite erzielte, während die lokale Bevölkerung ihr Zuhause, ihre Gemeinschaft und ihre Arbeit verlor, in Armut fiel und hoher Kriminalität ausgesetzt war. Genau wie im Film Feito Pipa wurden die Proteste der Bevölkerung weitgehend ignoriert, und das Unternehmen ließ die sozialen und gewalt produzierenden Folgen des Dammbaus außer Acht – mit tödlichen Konsequenzen für viele Menschen.
Bruno Pereira und Dom Phillips
1.700 Kilometer westlich von Altamira, im Regenwald nahe der peruanischen Grenze zu Brasilien, liegt das indigene Javari-Territorium. Dort wurden am 9. Juni 2022 Bruno Pereira und Dom Phillips erschossen.

Bruno Pereira beschäftigte sich intensiv mit isolierten Indigenen Völkern im Amazonasgebiet. Er arbeitete für die FUNAI, eine Regierungsorganisation, die sich für Landrechte und den Schutz Indigener Völker einsetzt, v.a. vor dem illegalen Eindringen in ihre Gebiete, Abholzung und illegalem Bergbau. 2019 leitete er ein großes Projekt zur Dokumentation und Schutz der in freiwilliger Isolation lebenden Indigenen Völker, bis er aufgrund des Drucks ländlicher Interessengruppen im Umfeld des damaligen Präsidenten Jair Bolsonaro entlassen wurde. Bruno war bekannt für seinen Einsatz für indigene Rechte und erhielt wegen seines Aktivismus mehrere Morddrohungen.
(Vermissten Protest Plakat „Wo sind Dom Phillips und Bruno Pereira?“ https://www.theenergymix.com/it-could-have-been-any-of-us-colleague-says-after-brazil-confirms-murders-of-bruno-pereira-dom-phillips/)
Bruno Pereira und Dom Phillips lernten sich 2018 kennen, als Dom Phillips – ein britischer Journalist, der seit 2007 in Brasilien lebte – eine Recherchereise in die Vale-do-Javari-Region unternahm und durch Bruno Pereira Kontakt zu Indigenen Völkern bekam. 2022 kehrte Dom Phillips erneut in die Region zurück, um für ein Buch zur nachhaltigen Entwicklung des Amazonasgebiets zu recherchieren. Gemeinsam reisten sie entlang des Itaguaí-Flusses, um Interviews mit Indigenen zu führen. Am 9. Juni 2022 wurden sie als vermisst gemeldet.
Indigene Gruppen beteiligten sich maßgeblich an der Suche nach den Vermissten und forderten durch Proteste Gerechtigkeit für Bruno und Dom. erst nach zehn Tagen wurden ihre Leichen gefunden. Amarildo da Costa de Oliveira, sein Bruder Oseney da Costa de Oliveira und Jefferson da Silva Lima wurden als die unmittelbaren Täter des Mordes ermittelt.

(Guarani Indigene und Umweltaktivist*innen bei einem Protest in São Paulo.
Nelson Almeida: https://www.rfi.fr/pt/mundo/20220619-detido-3°-suspeito-da-morte-de-jornalista-britânico-e-de-activista-na-amazónia)
Ruben Dario da Silva Villar wurde als Drahtzieher identifiziert; er war verantwortlich für ein illegales transnationales Fischereinetzwerks, das auch illegal in Indigenen Territorien fischt. (The Guardian)
Während der Amtszeit des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro wurden die Umweltkontrollen im Amazonasgebiet stark eingeschränkt. Dies begünstigte illegale Wirtschaftsaktivitäten wie Bergbau, Goldschürfen, Fischerei, Entwaldung, Landwirtschaft und entsprechende Infrastruktur sowie den Drogenhandel. Indigene Landrechte wurden missachtet, Lebensgrundlagen zerstört und Aktivist*innen für indigene Rechte und Umweltschutz weiterhin bedroht und ermordet.
Die Hintergrundgeschichte von Gugus Mutter erzählt auf eine sehr eindrückliche Weise wie alltäglich und real Gewalt gegen Aktivist*innen ist. In dem Leben der Angehörigen – Gugu, Gugus Vater und Dilma – bleibt ein großes Loch, Angst und ein schmerzhaftes Gefühl der Ungerechtigkeit. Das engagieren für eine sozial und ökologisch gerechtere Welt für uns alle sollte niemanden in Lebensgefahr bringen und wir müssen uns einsetzen für die, die trotz der Gefahr Widerstand leisten.
Quellenverzeichnis
Spiegel Online. (2024, 23. Januar). Umweltschutz: 142 Aktivisten 2024 weltweit getötet, laut Global Witness. Der Spiegel. https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/umweltschutz-142-aktivisten-2024-weltweit-getoetet-laut-global-witness-a-dd71b725-4d62-4c96-97fe-ca5775965bc6
Lima, L., & Silva, M. (2024). Environmental conflict and violence: A review on the state of the art and implications. Frontiers in Climate, 13. https://medcraveonline.com/FRCIJ/FRCIJ-13-00442.php?utm
Transparência Internacional Brasil. (o. J.). Corrupção e assassinato de defensores ambientais. https://transparenciainternacional.org.br/posts/corrupcao-e-assassinato-de-defensores-ambientais/
CartaCapital. (o. J.). Brasil é o segundo país mais letal para ambientalistas, aponta relatório internacional. https://www.cartacapital.com.br/sustentabilidade/brasil-e-o-segundo-pais-mais-letal-para-ambientalistas-aponta-relatorio-internacional/
Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB). (2017, 6. Juni). Belo Monte Dam makes Altamira most violent city in Brazil. https://mab.org.br/2017/06/06/belo-monte-dam-makes-altamira-most-violent-city-brazil/#:~:text=06/06/2017-,The%20Brazilian%20Institute%20of%20Applied%20Economic%20Research%20(IPEA)%20released%20on,the%20city%2C%20started%20very%20late.
Belo Monte
Amazon Watch. (2011, Januar). Brazil’s Belo Monte Dam: A major threat to the Amazon and its people. https://amazonwatch.org/news/2011/0203-belo-monte-dam-a-major-threat-to-the-amazon-and-its-people
Papacek, T. F. (2017). DOSSIER: Wasserkraft in Lateinamerika [PDF]. Lateinamerika Nachrichten. https://lateinamerika-nachrichten.de/wp-content/uploads/2021/02/PDF-Dossier-Wasserkraft-LN517_518_webversion.pdf
Survival International. (o. J.). Belo Monte Dam. https://www.survivalinternational.org/about/belo-monte-dam
SUMAÚMA. (2024, 7. Februar). O rio Xingu precisa de descanso. https://sumauma.com/o-rio-xingu-precisa-de-descanso/
Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada (IPEA). (2024). Atlas da violência 2024: Retratos dos municípios brasileiros[PDF]. https://www.ipea.gov.br/atlasviolencia/arquivos/artigos/9277-atlasviolencia2024retratodosmunicipiosbrasileros.pdf
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WDR. (o. J.). Das Wasserkraftwerk Belo Monte – ökologisch fragwürdig [Video]. WDR Mediathek. https://www1.wdr.de/mediathek/video-das-wasserkraftwerk-belo-monte–oekologisch-fragwuerdig-100.html
YouTube. (o. J.). Titel des Videos [Video]. https://www.youtube.com/watch?v=0itPSEe-gIU
Raoni. (o. J.). Belo Monte. http://raoni.com/belo-monte-br.php
Bruno Pereira & Dom Phillips
YouTube. (2025). The murder of Bruno Pereira and Dom Phillips exposes violence in the Javari Valley [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=_WAD6-Cusmc
YouTube. (2022). Brazil: Murders of Dom Phillips & Bruno Pereira Tied to Bolsonaro Dismantling Indigenous Protections [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=Yo58nI4jfgc
Reporters Without Borders. (2025, 4. Juni). Brazil: three years after the murder of Dom Phillips and Bruno Pereira, RSF calls for justice and the protection of environmental journalists. https://rsf.org/en/brazil-three-years-after-murder-dom-phillips-and-bruno-pereira-rsf-calls-justice-and-protection
Survival International Deutschland. (o. J.). FUNAI (Brasilien). https://www.survivalinternational.de/ueber/funai-brasilien
The Guardian. (2024, 4. November). Alleged mastermind in murders of Dom Phillips and Bruno Pereira formally charged. https://www.theguardian.com/world/2024/nov/04/alleged-mastermind-dom-phillips-bruno-pereira-murders-formally-charged-brazilWikipedia. (o. J.). Murder of Bruno Pereira and Dom Phillips. In Wikipedia. https://en.wikipedia.org/wiki/Murder_of_Bruno_Pereira_and_Dom_Phillips


