Ich treffe den chilenischen Filmemacher Diego „Mapache“ Fuentes in der Lobby des Hyatt-Hotels. „Mapache“, spanisch für Waschbär, ist der Spitzname, den er sich als junger Punk an einer der elitärsten Universitäten Chiles selbst gegeben hat. Er ist herzlich und freut sich, über seinen Abschlussfilm Matapanki zu sprechen, der ihn in diesem Jahr zur Berlinale geführt hat. Matapanki erzählt die Geschichte eines jungen Punks, der Superkräfte entwickelt, sobald er betrunken ist, und damit gegen politische Ungerechtigkeit kämpft.
Um Matapanki zu verstehen, hilft es, einen Blick auf die chilenische Zeitgeschichte zu werfen. Während des Kalten Krieges herrschte im Land eine brutale Militärdiktatur, auf die ab 1989 eine schrittweise Demokratisierung folgte. Doch die chilenische Gesellschaft – und ihr Kino – sind bis heute von den Narben und dem allgegenwärtigen „Geist der Diktatur“ geprägt.
Diego steht für eine neue Welle chilenischer Filmemacher. Er gehört einer Generation an, die im demokratischen Chile aufgewachsen ist, aber tief frustriert ist: von leeren Liberalisierungsversprechen und einem politischen System, in dem gefühlt „alles scheitert“. Diese Spannung entlud sich 2019 im Estallido Social, als im ganzen Land gewaltsame Unruhen ausbrachen – entzündet von Schülern in Santiago, die gegen höhere U-Bahn-Preise und die explodierenden Lebenshaltungskosten protestierten.
Generation Reports (FGR): Willkommen in Berlin! Matapanki hat wirklich Spaß gemacht. Ich habe gelesen, dass das Projekt als Scherz während der Pandemie anfing. Wann hast du gemerkt, dass daraus etwas Größeres, etwas Ernstes wird?
Diego Fuentes: Wir steckten mitten in der Corona-Pandemie und arbeiteten an einem Uni-Projekt. Ich habe mit meinem Co-Autor Joaquín Fernández herumgesponnen, nachdem wir Electric Dragon 80.000 V gesehen hatten. Ich meinte: „Was, wenn wir einen Film über einen Punk machen, der durch Alkohol Superkräfte bekommt und gegen die Politik kämpft?“ Zu unserer Überraschung hat uns die Uni einfach machen lassen. Da wurde uns klar, dass unser Humor eigentlich nur ein Mittel war, um ernste politische Probleme zu verpacken.
Eine neue Generation in Chile und weltweit findet gerade ihre politische Stimme, aber da ist auch diese tiefe Erschöpfung, weil sich alles so surreal und – ehrlich gesagt – total im Arsch anfühlt. Wir wollten keinen langweiligen Politikfilm drehen; wir wollten etwas machen, worüber junge Leute lachen können, während sie trotzdem die Probleme erkennen, die sie belasten.
FGR: Du sprichst von einer neuen Generation, die politisch aktiv wird. Wie hast du die Proteste des Estallido Social 2019 erlebt?
Diego Fuentes: In Chile spukt immer noch dieser „Geist“ der Diktatur, und gerade bei der älteren Generation herrscht deshalb eine Angst vor allem Progressiven. Mit denen über Politik zu reden, ist schwer. Aber das Schöne an 2019 war zu sehen, wie sich eine neue Generation eingemischt hat. Wir hatten das Gefühl, dass weltweit alles versagt – von den USA bis Venezuela – also mussten wir diese Themen satirisch angehen.

FGR: Im Film tötet der Protagonist den Präsidenten – für manche 2019 ein revolutionärer Traum – aber es endet in einer Katastrophe. Ist der Film pessimistisch, was politische Gewalt angeht?
Diego Fuentes: Für mich spiegelt das die Realität der 2019er Proteste wider: Es wurde nichts Wirkliches erreicht. Wir hatten die Chance, Chile zu verändern, aber am Ende passierte nichts. Das Ende des Films, wo die Leute einfach nur auf das Chaos starren, steht für diese Apathie – als ob die Welt untergehen könnte und es niemanden juckt. Wir haben jetzt Angst vor der extremen Rechten. Mein Ziel ist also nicht, nach einem „Ricardo“ (dem gewalttätigen Helden; Anm. d. Red.) zu rufen, sondern sicherzustellen, dass die Kunstszene stark bleibt und verteidigt, was wir erreicht haben. Matapanki ist unser Weg, genau das zu tun.
FGR: Fühlt es sich komisch oder ganz natürlich an, diesen Film einem jungen europäischen Publikum zu zeigen, das diese Erfahrungen nicht teilt?
Diego Fuentes: Unser Film ist extrem lokal, voller chilenischem Slang, und spielt bei mir zu Hause in Quilicura, Santiago (einem eher ärmeren Industrieviertel; Anm. d. Red.). Als die Nachricht zur Europapremiere auf der Berlinale kam, war ich geschockt. Das ist ein Riesenfestival und Matapanki ist ein kleiner Film mit Mini-Budget. Anfangs fühlte es sich komisch an, aber es ist spannend zu sehen, dass der Film weltweit Resonanz findet.
Werte wie Familie, Nächstenliebe und Liebe – gerade in der nicht-traditionellen Familie im Film (die Oma, Ricardo, seine Freunde) – sind universell. Es war schön, zu merken, dass nicht nur wir in Chile diese Angst und Frustration spüren; das passiert auch in Europa und den USA. Jetzt, wo ich hier bin, fühlt es sich also tatsächlich ganz natürlich an.
Punk- oder Hardcore-Szenen werden oft klischeehaft als aggressiv, chaotisch oder als reines Besäufnis abgestempelt – ich kann nicht leugnen, dass es das gibt, aber meine Erfahrung war anders. Für mich war es eine Gemeinschaft, die auf Liebe und Solidarität basierte. Jeder passte auf den anderen auf, es fühlte sich an wie eine zweite Familie. Dieses Gefühl von Zugehörigkeit, Rückhalt und Freunden als Wahlfamilie wollte ich im Film einfangen.
FGR: Du hast dieses Punk-Manifest an der Universidad del Desarrollo gedreht, einer der wohlhabendsten Privatuniversitäten Chiles. Wie bist du mit diesem Widerspruch umgegangen?
Diego Fuentes: (lacht) Das war anfangs wirklich seltsam. Die Uni ist bekannt dafür, privat und konservativ zu sein. Ehrlich gesagt habe ich mich da nur beworben, weil meine Schwester meinte: „Diego, wenn du in Chile Filme machen willst, brauchst du Geld, und dort sitzt das Geld.“ Ich war damals total Punk – Iro und alles drum und dran – also habe ich mich gewehrt, aber sie hatte recht. Ich bin dankbar, weil meine Familie hart gearbeitet hat, um mich zu unterstützen, und ich einen Studienkredit vom Staat bekommen habe.
Überraschenderweise mussten wir innerhalb der Uni nicht um den Film kämpfen. Wir hatten großartige Professoren, die das Projekt unterstützten, und so wurde es zu einer wunderbaren Anomalie in diesem Umfeld.

FGR: Der Film hat diesen sehr dreckigen Schwarz-Weiß-Look. War das eine ästhetische oder eine politische Entscheidung?
Diego Fuentes: Beides. Wenn wir einen Punk-Film machen, muss er auch nach Punk aussehen. Wir haben uns an Fanzines und der DIY-Bewegung orientiert. Wir konnten nicht über Punk reden und dann in hochglanzpoliertem 4K drehen; wir wussten, dass wir das Bild und den Ton zerstören mussten.
FGR: Du hast öffentlich über dein Tourette-Syndrom und dein OCD gesprochen und darüber, wie sie deine Kunst beeinflussen. Wie wirkt sich das auf deine Filme aus?
Diego Fuentes: Das Kino kann sehr konservativ sein, was Regeln angeht. Als neurodivergente Person spüre ich eine Verbindung zwischen dieser Erfahrung und der Punk-Bewegung. Es gab mir die Freiheit, diese Regeln zu vernachlässigen. Als wir Matapanki machten, hatten wir null Ambitionen auf Festivals; wir wollten einfach drehen, was wir teilen wollten. Das war befreiend.
FGR: Ein Blick in die Zukunft: Dein nächstes Projekt Corazón de Polilla (Herz der Motte) beschäftigt sich mit Geschlechtsidentität. Bewegst du dich weg von der hypermaskulinen Aggression von Matapanki hin zu etwas Fluiderem?
Diego Fuentes: Absolut. In Chile gibt es eine starke Überschneidung zwischen der Punk- und der LGBT-Community. Es gab Themen rund um geschlechtliche Diversität, die ich schon in Matapanki erkunden wollte, aber nicht konnte. Darauf freue ich mich jetzt.
Ich glaube, der kaputte Zustand der Welt – Sachen wie Trump oder die Epstein-Akten – hängt tief mit Fragen der Männlichkeit zusammen. Ich hoffe, dass Trump eines Tages Corazón de Polilla sieht und die Probleme mit seiner eigenen Männlichkeit heilt!
FGR: Das wäre unglaublich. Danke, Diego. Viel Erfolg bei der Premiere!


