A Family

Das Beste für die Kinder

Eine Kritik zu A FAMILY

Wöchentliches Tasche packen. Wöchentliches Wechseln. Von Mama zu Papa. Von einem Streit zum nächsten.

In dem belgisch-niederländischen Film „A Family“ geht es um die Perspektive der Kinder, wenn die Eltern sich trennen. Um ihre Innenwelt, ihre Gedanken, Gefühle. Ihre Reaktionen und Meinungen. Nina und Elis Eltern haben sich getrennt und befinden sich aktuell im Sorgerechtsstreit, in welchen die Kinder überfordernd viel einbezogen werden. Sie sollen die Entscheidungsträger*innen bei den viel zu großen Aufgaben sein und den relevanten Rest der Sache reißen die Erwachsenen an sich. 

Wie geht man mit einer solch alles verändernden Sache um? Eine Sache die nicht mit einem, sondern für einen entschieden wird. Die man nicht will. Und die trotzdem passiert. 

Was macht man, wenn man nichts machen kann?

Nina, 16 Jahre und die große Schwester, beobachtet ihre Eltern bei diesem absurden Schauspiel. Hört das Schreien. Spürt das Schweigen. Sieht das Weinen. Bekommt die Geschenke von ihrem Vater. Und eine ungefragte Portion emotionale Abhängigkeit von ihrer Mutter. Sie ist wütend. Peinlich berührt von der Selbstzentriertheit ihrer Eltern, ihrem Ego und dem erbärmlichen Schauspiel, das die zwei vollziehen. Sie zieht sich zurück. Schließt alle Türen und macht zu. 

Leider beeinflussen diese Erfahrungen auch ihr Vertrauen in die Beziehung zu ihrer Freundin. Während diese aus einem geborgenen Elternhaus stammt und immer nur tief wertschätzende Liebe durch ihre Eltern erfahren hat und Nina viel Sicherheit vermittelt, verstärkt sich bei Nina eine Bindungsangst. Es häufen sich Panikattacken und die Angst vor einer weiteren tiefgreifenden emotionalen Verletzung.

Der Film ist in mehrere Teile geteilt, was wichtig ist, wenn das Erleben der Kinder authentisch und nah aufgezeigt werden soll. Es werden zwei Perspektiven, zwei verschiedene Geschichten erzählt. Die von Nina. Und die von Eli. Denn obwohl die zwei Geschwister im gleichen Elternhaus aufwachsen, mit den selben Räumlichkeiten, der selben Mutter und dem selben Vater, ist ihre Realität eine vollkommen verschiedene. Die Rollenverteilung ist eine andere, die Stimmung, die ihnen entgegengebracht wird. Die Erwartungshaltung. Und die Schuldverteilung. Ihr jeweiliges Alter zur Zeit der Trennung entscheidet darüber, wie sie von der Situation behandelt werden. Und genauso, wie sie selbst die Situation behandeln.

A Family

 

Filmisch repräsentiert ist dies insbesondere in der Kameraführung. In dem auf Nina fokussierten Teil hält die Kamera ganz nah auf ihr Gesicht. Ihre Perspektive ist alles einnehmend. Wir sehen kaum etwas von ihrer Umgebung, sondern sind ganz nah bei ihr und ihrer Überforderung. Teils unruhig schwingt die Kamera umher. In anderen Momenten füllt ihr Gesicht nur knapp ein Drittel des Bildschirms, der Rest wird ausgefüllt von der leeren Wohnung. Am Anfang fragte ich mich, warum bei diesem Fokus nicht direkt ein 4:3-Ausschnitt gewählt wurde, um ihre Gesichtsausdrücke noch besser zur Geltung zu bringen. Andererseits erhält ihre Verlorenheit und Einsamkeit hierdurch eine ganz andere sinnbildliche Erfahrung.

Eli wiederum beobachten wir von weiter weg. Er geht teils fast unter in seiner Umgebung. An anderen Leuten vorbei entdecken wir ihn im Hintergrund, müssen ihn teilweise fast suchen. Und doch ist er immer da und bekommt sehr vieles mit. Der Regisseur Mees Peijnenburg beschreibt in unserem Interview, dass er mit der Kameraführung die unterschiedliche Aufmerksamkeit, die den zwei Charakteren zuteil wird, auffangen wollte.

Denn während Nina wütend, stur, und kühl wird, versucht Eli, 12 Jahre und der kleine Bruder, die aufgeladene Stimmung in beiden Wohnungen mit einem angepassten, ruhigen und unkomplizierten Auftreten runterzufahren.  Er stellt all seine Bedürfnisse zurück und ist bemüht es den beiden Erwachsenen recht zu machen. Auch wenn beide Eltern versuchen, ihm eine heitere Welt vorzumachen. Ihn mit Geschenken, aufmunternden Worten und Aktivitäten zu bespaßen und ihn als den „Kleinen“ der Familie vor all dem Schmerz und Streit zu behüten, passiert das genaue Gegenteil. Er wird der Erwachsene. Er übernimmt Aufgaben, die nicht seine sein sollten und versucht, die alles zusammenhaltende Säule zu sein. 

Worauf sich der Film, neben den Dynamiken zuhause besonders fokussiert, ist wie, wo und mit wem die zwei Geschwister ihre Köpfe bei all dem Lärm zuhause mal für ein paar Minuten zum schweigen bringen können. Wo sie für sich die Ruhe und den richtigen Zufluchtsort finden. Für Nina ist es der Tanz, für Eli das Schwimmen. Und so malt uns der Film nicht nur ein realitätsnahes Bild davon, wie es ist, wenn die eigene Familie ganz plötzlich, ungefragt zerbrochen wird. Er ist zugleich ein Plädoyer dafür, die eigenen Leidenschaften ganz besonders in den schweren Zeiten nicht aufzugeben. An ihnen festzuhalten, aus ihnen Kraft zu tanken und so, auch wenn nur gelegentlich, auf Glücksmomente zu stoßen. 

Besonders beeindruckend für mich war die schauspielerische Leistung der beiden Jugendlichen, die es geschafft haben, sich so roh und eindringlich zu zeigen und diese ruhige Erzählweise mit ihren Emotionen und Reaktionen so stark auszufüllen. Während die Kameraauschnitte teils unüblich gewählt waren und man sich als Publikum erst einmal darauf einlassen musste, waren es die beiden Hauptdarsteller:innen, die hier aufblühten.

Um für mich zu einem herausragenden Film zu werden, hätte ich mir gewünscht, das Potential der zwei Perspektiven stärker zu nutzen. Die Ergänzung durch Elis Perspektive kam wenig überraschend und hätte einzelne Aspekte noch weiter ausleuchten können. Beispielsweise bleibt völlig unklar, warum Eli bei der einen Familienfeier so durchdreht, als Nina ein Bier trinkt. Gibt es ein nicht näher angeschnittenes Alkoholproblem innerhalb der Familie? Während das Konzept zweier unterschiedlicher Perspektiven eine spannende Idee ist, die es schaffen könnte, zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen zu vereinen, ist mir das Erzählte letztendlich doch zu einheitlich. Nichtsdestotrotz ist „A Family“ ein berührender Film. 

Ganz besonders im Hinblick auf die Beziehung der beiden Geschwister. Wie diese sich voneinander weg und zueinander hin bewegen. Wie beide sich einsam und alleine fühlen. Weil beide alleine versuchen zu kämpfen. Und der Film es doch sehr deutlich macht, dass das nicht funktionieren wird. Dass gerade die Kinder sich unterstützen und halten müssen. Gegenseitige Partner und Komplizen sein müssen. Dass das ihre Aufgabe innerhalb der Krise ist. 

Da sein. Für mich. Für dich. Uns beide. Uns Kinder.

Livia

&

Sarah

  • Livia Palupski

    Livia fasziniert die Kraft des Kinos. Wie es Individuen zusammenbringt, Lebensrealitäten sichtbar macht und den Fokus für 1 1/2 Stunden aus der Selbstzentriertheit zwingt. Sie liebt die Perspektive aus dem Kinosessel. Das stille Zuschauen und den lauten Diskurs danach. Darum ist sie hier mit dabei.

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  • Sarah

    Bereits als Kind besuchte Sarah mit ihrer Mutter und Schwester gemeinsam die Berlinale. Seitdem ist Berlinale Generation ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Im Rahmen des Berlinaleprojekts "Junge Journalisten" konnte sie erste Festivalluft schnuppern. 2013 gründete sie mit weiteren Berlinaleenthusiast:innen die freien Generation Reporter:innen. Außerhalb der Berlinale studiert Sarah aktuell im Master in Aachen, spielt E-Bass in einer Band und geht wahnsinnig gerne bouldern.

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