Tegenwoordig heet iedereen Sorry

„Du bist ein bemerkenswertes Mädchen.“

Ein heißer Sommertag, ein Riss im Asphalt und eine unerwartete Begegnung.

„Bianca, dein Vater und Cruz wollen es anders machen.“

„Ohne Einleitung, Mama.“

„Sie finden dich schwer zu händeln.“

„Ich … ich bin nicht schwer zu händeln.“

Als ihre Mutter ihr eines Morgens am Frühstückstisch mitteilt, ihr Vater und seine neue Freundin Cruz fänden es praktischer, sie käme statt an jedem Wochenende nur noch jedes zweite zu ihnen, ist das für die 13-jährige Bianca nicht die erste Situation, in der sie sich von ihrer Familie nicht verstanden – und vor allem nicht gesehen fühlt. Ihre Eltern leben schon seit einiger Zeit getrennt, und während ihre Mutter meint, man benötige für sie eine „Gebrauchsanweisung“, schenkt sie Biancas neunjährigem, herzkranken Bruder Alan viel mehr Aufmerksamkeit. Dabei sucht Bianca nur nach Halt und Geborgenheit – der einzige Ort, an dem sie sich wirklich wohl und geschützt fühlt, ist ihr eigenes kleines Geheimversteck in einem Bereich zwischen ihrem und dem Garten der Nachbarn.

Doch dann ändert sich etwas an dem Tag, der auf das Gespräch am Frühstückstisch folgt: Plötzlich sitzt Biancas Lieblingsschauspielerin, Billie King in ihrem Wohnzimmer! Zusammen mit ihrem Vater hat Bianca die berühmte Soap-Serie, durch die Billie vor allem bekannt ist jeden Abend geschaut und kann es gar nicht glauben, ihr Idol zu treffen.

Über den Tag hinweg beginnt sich Bianca schließlich immer mehr zu öffnen und längst verloren geglaubte Hoffnung wiederzuentdecken.

Wenn ihr während des Abspanns gut aufgepasst oder euch die Programmbeschreibung besonders gründlich durchgelesen habt, wisst ihr vielleicht bereits, dass es sich bei der niederländisch-belgisch-deutschen Produktion um eine Buchverfilmung handelt. Die Grundlage für den Film ist dabei Bart Moeyarts Jugendbuch „Tegenwoordig heet iedereen Sorry“, das 2020 erschien und auf Deutsch schlicht „Bianca“ heißt.

Wer jetzt nach dem Film Lust hat, tiefer in die ursprüngliche Geschichte einzutauchen, mehr über die Figuren zu erfahren oder sich einen umfangreicheren Inhalt erhofft, wird vermutlich enttäuscht sein: Denn die gesamte im Originalroman enthaltene Geschichte entspricht beinahe bis ins letzte Detail exakt der Version, die für den Film übernommen wurde. Trotzdem kann es spannend sein, das Buch auch nach dem Film zu lesen, denn während im Film über die visuelle Ebene viel Unausgesprochenes erzählt wird, sind es im Buch Biancas direkte, ungeschönte Gedankengänge die uns in die Geschichte eintauchen lassen und ihre Figur durch eine andere Erzählweise beleuchten.

Einige wenige, winzige Abweichungen gibt es dennoch – Billies Soap-Serie, die im Buch den Titel „Hier bei uns“ trägt, spielt zum Beispiel nicht wie im Film in einem Friseursalon, sondern ursprünglich in einer Bar – aber abgesehen davon ist die Handlung absolut identisch, selbst die bildgewaltigsten Szenen sind nicht bloß filmische Inszenierung, sondern schon im Buch mehr oder weniger genau so angelegt.

Filmstill aus "Everyone's Sorry Nowadays"
„Genau wie eine Engelswimper.“ (© De Mensen)

Gerade diese fantasievolle Ausdruckskraft (im Film durch die Bilder – im Buch durch die Worte) ist es, die beide Versionen der Geschichte neben der Handlung teilen: Immer wenn eine Situation Bianca gerade überfordert oder das Gefühlschaos zu viel wird, beginnt die Realität zu verschwimmen. Mit eindrücklichen Bildern und Musik wird im Film so ihre Gedanken- und Gefühlswelt eingefangen. Durch diesen Wechsel zwischen Realität und Fiktion können wir verschiedene Seiten von Bianca nachvollziehen: Die, die sie nach außen trägt und das, was währenddessen eigentlich in ihr vorgeht. Denn Bianca redet verhältnismäßig wenig, vor allem ihre Mutter empfindet das manchmal so – wenn sie nichts zu sagen hat, dann sagt Bianca auch nichts. Auch Billie findet, Bianca sei „gut darin, leise zu sein.“ Nur durch den fiktiven Raum, den der Film kreiert, können wir überhaupt an den Gedanken und Gefühlen teilhaben, die Bianca eigentlich so sehr zurückhält.

Auch Billie verkörpert gewissermaßen dieses Zusammenspiel aus Realität und Fiktion. Sie bleibt nicht nur die fiktive Rolle der „Ilona“, nun gewinnt vor allem ihre private Person für Bianca an Bedeutung. Und trotzdem schafft sich auch Bianca eine Art alternative Rolle: In der titelgebenden Situation stellt sie sich Billie als Perdón vor. Das sei ein alter Name, der fast nicht mehr vorkommt – schließlich würden heutzutage alle Sorry heißen.

Generell geht es im Film auch immer wieder um Entschuldigungen, sei es durch Biancas neuen Namen, das reflexartige Entschuldigen im Gespräch oder in Form eines Zettels der Nachbarn. Vielleicht steht es auch symbolisch für das defensive und zurückgezogene Verhalten, das sich Bianca vor allem gegenüber ihrer Mutter angewöhnt hat. Dieses und einige andere Motive, die sich durch den Film ziehen – wie den Riss im Asphalt, der schnell zur Erdspalte wird, das Synchronschwimmen oder eine Schüssel voller Kirschen – lassen uns Bianca immer besser verstehen, ohne das viel erklärt oder Probleme benannt werden müssen.

Vor allem der Riss im Asphalt ist symbolischer Ausdruck so vieler Emotionen, die Bianca für sich behält, besonders ihrer zurückgehaltenen Wut. Glücklicherweise gibt der Film gibt gerade dieser Wut viel Raum – ein Gefühl, das bei jungen, weiblichen Figuren viel zu selten in einer solchen Tiefe thematisiert wird.

„Everyone’s Sorry Nowadays“ ist kein einfacher, kein gewöhnlicher Film. Wir müssen uns von Anfang an auf Biancas Gedanken- und Gefühlswelt einlassen, denn das ist der Ausgangspunkt der Geschichte. Diese Darstellung durch verschiedene, teilweise absurde Details ist im Buch wie auch im Film sehr fantasievoll, aber auch speziell und funktioniert manchmal besser, manchmal schlechter – ist aber alles in allem sehr eindrücklich.

Ein weiterer Pluspunkt sind die Mutterfiguren: Biancas Mutter ist nicht gerade einfach, obwohl sie in vielen Momenten ihre Liebe zu ihren Kindern ausdrückt, kann man sich oft auch einfach nur über sie ärgern, bei den Sachen, die sie teilweise zu Bianca sagt – dadurch wird sie aber auch zur vielschichtigeren Figur, über die ich noch länger nachgedacht habe. Und vor allem Billie ist zuallererst berühmte Schauspielerin und Biancas Idol – beide Figuren sind so viel mehr als die eindimensionale Zuschreibung „Mutter“, was leider nicht selbstverständlich ist.

Auch sehr schön zu sehen ist, dass eine queere Beziehung ganz selbstverständlich im Hintergrund läuft, ohne groß thematisiert werden zu müssen.

Der Film erzählt von einem dreizehnjährigen Mädchen, das sich in seiner eigenen Familie nicht zugehörig und vor allem von seiner Mutter nicht verstanden fühlt – und in einem Schlüsselmoment, durch eine stärkende Begegnung wieder Hoffnung sammelt. Er erzäht davon, wie dadurch wieder Annäherungsversuche möglich werden und wie wichtig solche Momente für Kinder und Jugendliche sind, in denen sie sich wirklich gesehen und gewertschätzt fühlen.

Für mich bleibt „Everyone’s Sorry Nowadays“ ein eindrückliches Kinoerlebnis, die akribischste Romanverfilmung, die ich je gesehen habe und eine Bereicherung für das diesjährige Kplus-Programm – und ist definitiv sehenswert.

  • Leo

    Leo ist 17 Jahre alt, macht gerade sein Abitur und ist für verrückte Ideen immer schnell zu haben. Auch eines kalten Winterabends das allerletzte Screening der Generations-Sektion der Berlinale 2022 zu besuchen, ohne die geringste Vorahnung, was ihn erwartet. Seitdem ist er mit viel Liebe und Begeisterung bei der Berlinale dabei, und dieses Jahr zum zweiten Mal mit den fGR. Leo liebt Filme, interessiert sich besonders für Filmmusik und hat großen Spaß daran eigene kleine Filmprojekte umzusetzen - dieses Jahr freut er sich auf ganz viel neue Inspiration und Begegnungen!

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1 Comment

  • Boris Neubauer Boris Neubauer

    Ein wunderbarer Film über die Gefühle von Menschen an der Grenze zwischen Kindheit und erwachsen werden. Wut über die Eltern die nur wenig Verständnis für Ihre Tochter haben, Wut über die Tatsache, dass der kleine Bruder besondere Aufmerksamkeit der Mutter braucht, Bianca sich aus diesem Grunde in den Hintergrund gedrängt wird. Für sie ist nicht genug elterliche Zuwendung möglich. Sie ist die Ältere, sie soll vernünftig und rücksichtsvoll sein. Schwer zu ertragen und ihre Gefühle sind zu tiefst nachvollziehbar.
    Ich finde es wunderbar, dass hier ein Mädchen in seiner hilflosen Wut gezeigt wird.
    Der Erwachsenenwelt wird ein gnadenloser Spiegel vorgehelten.
    Es scheint, dass die Belgische Filmwelt ein besonders gutes Händchen für Filme hat, die unkonvntionelle Emotionen bei Kindern und Jugendlichen thematisieren, wie bereits bei Close (Lukas Dhont) und young haerds (Anthony Schattermn).

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