En Route To

„En Route To“: Wenn Freundschaft Berge versetzt

En Route To

In diesem Film erzählt uns Regisseurin Yoo Jaein auf unverblümte Weise eine Geschichte über den Wunsch nach Zugehörigkeit, über Machtmissbrauch und vor allem über Freundschaft.

Wir befinden uns in einem südkoreanischen Mädcheninternat: Als Klassenlehrer Jong-sung eines Tages nicht mehr zum Unterricht erscheint, weiß allein die Schülerin Yun-ji was es mit seinem Verschwinden auf sich hat. Denn sie ist schwanger mit seinem Kind. Als auch noch die Ehefrau ihres Lehrers völlig aufgelöst in der Schule auftaucht, gerät sie in stille Panik und schreibt ihm, dass er zurückkommen solle und sie das Kind auf seinen Wunsch hin abtreiben würde. Doch Jong-sung meldet sich nicht und bleibt spurlos verschwunden. Yun-ji, die weder Eltern noch Freunde hat, ist nun völlig auf sich alleine gestellt und beschließt Geld ihrer Mitbewohnerin Kyung-sun zu stehlen, um illegale Abtreibungspillen aus dem Internet zu kaufen. Kyung-sun ist im Gegensatz zu Yun-ji selbstbewusst und beliebt. Sie ist zunächst außer sich vor Wut über den Diebstahl. Doch dann findet sie Yun-ji später blutend in ihrem Bett vor und ihre Wut verwandelt sich in Mitgefühl.

Die Beiden stehen nun vor einer großen Herausforderung, denn die Pille erweist sich als unwirksam. Yun-ji möchte auf keinen Fall, dass irgendjemand von der Sache erfährt. Kyung-sun will nicht aufgeben und informiert sich über andere Möglichkeiten. Doch offizielle Abtreibungen sind teuer und ohne die Anwesenheit eines Elternteils möchte man den Jugendlichen im Krankenhaus ohnehin nicht weiterhelfen. Schwangerschaftsabbrüche sind in Südkorea zwar seit 2021 entkriminalisiert, jedoch fehlt es an klaren gesetzlichen Richtlinien. Hinzu kommt, dass das Thema Sexualität bei unverheirateten Frauen, insbesondere bei Minderjährigen immer noch stark tabuisiert wird und mit Scham behaftet ist. Das könnte einer der Gründe für Yun-jis Verschwiegenheit sein. Der enorme gesellschaftliche Druck wird auch durch den Charakter der Ehefrau verkörpert, welche von der Affäre ihres Mannes Wind bekommt und versucht, alles unter den Teppich zu kehren. Sie hält weiterhin öffentlich an dem perfekten Bild ihres Ehemanns fest und verspricht Yun-ji ein Stipendium im Austausch gegen ihr Schweigen.

Interessant ist, wie Lehrer Jong-sung zugleich Auslöser des ganzen Schlamassels ist und dennoch in keiner einzigen Szene auftaucht. Im Grunde nimmt er keinen aktiven Einfluss auf den Verlauf der Geschichte, wird jedoch geschickt als Symbol und Aufhänger eingesetzt, um die verschiedenen Gefühle und Perspektiven der weiblichen Protagonistinnen offenzulegen. Yun-ji selbst ist sich beispielsweise auf einmal gar nicht mehr sicher, ob sie eine Abtreibung durchführen möchte. Denn sie findet, dass auch sie mit ihrem kaputten Leben das Recht darauf hat, glücklich zu sein und eine Familie zu haben. Diese Entscheidung trifft auf wenig Anklang bei Kyung-sun, die selbst eine sehr junge, alleinerziehende Mutter hat und mit dem Gefühl kämpft, dieser das Leben mit ihrer Geburt ruiniert zu haben. Ihre Mutter wiederum empfindet ihre Tochter als größtes Glück der Welt.

Der Film regt den Zuschauer durch seine ehrlich und komplex-gezeichneten Charaktere dazu an, verschiedenen Meinungen zu dem umstrittenen Thema Verständnis entgegenzubringen, anstatt die Meinung des Publikums gezielt zu lenken. “En Route To“  wird zwar durch eine anhaltende Schwere begleitet, dennoch gibt es immer wieder schöne Momentaufnahmen von Zusammenhalt und Mitgefühl, die zeigen, dass wahre Freundschaft auch in den schwierigsten Zeiten Hoffnung spendet. Insgesamt ein toll erzählter und facettenreicher Film!


  • Sea

    Sea, 17 Jahre, ist begeisterte Kinogängerin und interessiert an jeglicher Art von künstlerischem Ausdruck. Am Besten gefallen ihr dabei Geschichten und Werke, die einen noch lange begleiten und der Austausch mit anderen über Kunst. Dafür ist die Berlinale zweifellos der perfekte Ort, weshalb sie sehr froh ist bei Freie Generation - Reporter dabei zu sein.

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