Sunny Dancer

Sunny Dancer -Lachen oder Weinen?

Gib jedem Tag, die Chance der beste deines Lebens zu werden” und weitere cheesy Sprüche hängen überall an den Wänden im „Children Run Free Camp” in Schottland für krebskranke Jugendliche in Remission. Zahnpasta Lächeln, cringe Ansprachen, aufgezwungene Gute Laune, Personal in senfgelben Anzügen und Aktivitätsprogramm. 

Nicht genau das, was sich die 17-jährige Ivy für ihren Sommer vorgestellt hat. Ihre Eltern haben sie aus Sorge, um ihr soziales Leben nach ihrer Krebserkrankung für 4 Wochen in das, wie Ivy es nennt, Chemo Camp geschickt. Schon von Anfang an erkennt Ivy keinen wirklichen Sinn im CRF-Camp. Sie nimmt das Programm nicht ernst, verdreht immer wieder die Augen und hat Schwierigkeiten sich an die Regeln des Camps anzupassen. Zudem beteiligt sich Ivy kaum an gemeinsamen Aktivitäten. Doch dann entscheidet sie sich dem ganzen doch noch eine Chance zu geben und findet schnell Anschluss in einer Gruppe von Jugendlichen, „The Squad”, die jedes Jahr das Camp besuchen. Es bildet sich eine tief verbundene Gruppe, mit welcher Ivy einen Sommer voller unvergesslicher Momente erlebt.

Sunny Dancer von George Jaques nähert sich dem Thema Krebs aus einem neuen Blickwinkel und geht mit einer Form von Humor ran. Dadurch entsteht eine Mischung aus Drama und Komödie. Wie der 25-jährige Regisseur, beim Publikumsgespräch erklärt, war es seine Absicht einen Film über Krebs zu drehen, der ohne lange Krankenhausszenen und stereotype Bilder von leidenden Kindern funktioniert. George Jaques war selbst 15 Jahre alt, als seine Mutter mit Krebs diagnostiziert wurde, was ihn inspirierte seine Ideen umzusetzen. Für die Recherche besuchte er unter anderem ein, ähnlich wie im Film dargestelltes, Camp, wo er mit betroffenen jungen Menschen sprach. 

Wenn man diese [Krankenhaus-] Stationen besucht, wird einem klar, dass Krebs das Uninteressanteste an diesen jungen Menschen ist. Sie sind so voller Lebensfreude.” 

Doch kann man solch ein sensibles Thema wirklich als Komödie darstellen?  

Ich finde schon, denn manchmal braucht es genau diese Leichtigkeit, um mit schweren Situationen umzugehen und diese verarbeiten zu können. Sunny Dancer greift Themen wie Erwachsenwerden, Verlust und die Suche nach Identität nach einer schweren Erkrankung auf und schafft es dabei, dass man sowohl lachen als auch weinen kann. Und wie der Regisseur selbst betonte, verfügen viele der krebskranken Jugendlichen trotz ihrer Situation über viel Humor, was im Film deutlich spürbar wird. Ganz bewusst liegt der Fokus nicht auf der Krankheit selbst, sondern auf ihren Umgang mit ihr und dem Versuch ein ganz “normales” Leben zu führen. Der Film arbeitet mit zahlreichen Jokes und überzogenen Situationen, doch verliert trotzdem nicht an emotionaler Tiefe. Gemeinsam ist der Saal durch verschiedenste Emotionen gegangen. 

Auffällig dabei war die Musik, die einem nämlich nicht aufgezwungen hat, etwas Bestimmtes zu fühlen. Auch in gefühlsbetonten Momenten war Pop Musik angesagt. Vor allem der Song I Don´t Feel Like Dancin´ hat sich durch den gesamten Film gezogen. Ivy und ihre Eltern haben sich dazu einen Tanz ausgedacht, welcher einen aufmuntern soll. Als Ivy den Song anmacht und der Gruppe den Tanz zeigt, wird die Stimmung sofort gelockert und Hoffnung vermittelt. Zuerst ganz traurig, dann super glücklich. Alle tanzen zusammen. Und dass passiert auch beim Publikum, denn man verlässt die Vorstellung mit einem guten Gefühl und einem Ohrwurm, der so leicht nicht mehr weggeht. 

Die Hauptperson Ivy, gespielt von Bella Ramsey, ist ein konfliktreiche Persönlichkeit. Zu Beginn des Filmes ist sie wütend auf die Welt und von innerer Leere geprägt. Sie versteht nicht, warum ausgerechnet sie überlebt hat, während jemand anderes sterben musste. Daraus entsteht bei Ivy das Gefühl, den Platz eines anderen eingenommen zu haben und der Druck etwas Bedeutendes mit ihrem Leben anfangen zu müssen und empfindet gleichzeitig, diesem Anspruch nicht gerecht zu werden. Doch Ivy durchlebt im Laufe des Filmes eine spürbare Entwicklung, die durch die Gliederung in die vier Wochen ihres Camp-Aufenthaltes dargestellt wird. Schrittweise öffnet sie sich in den Therapiestunden und beginnt den Sinn hinter dem Camp zu verstehen. Denn hier erlebt sie Akzeptanz für die Person, die sie wirklich ist, nicht „Ivy mit Krebs”, sondern einfach nur Ivy. Sie erkennt, dass echte Freund:innenschaft und Liebe für sie möglich sind. Gleichzeitig begreift sie in einem herzergreifenden Gespräch mit ihrer Mutter, dass ihr innerer Schmerz nie vollständig verschwinden wird, sie aber lernen kann, immer besser mit ihm umzugehen. 

Diese Entwicklung wird sensibel und einfühlsam von Bella Ramsey dargestellt. Bella verkörpert Ivy sowohl in den humorvollen als auch in den emotionalen Momenten sehr glaubhaft. Als Publikum taucht man durch eine nahe Kameraeinstellung tief in Ivys Gedanken- und Gefühlswelt ein und erfährt die Geschichte aus ihrer Perspektive. Jedoch geht die zu eben beschriebene Entwicklung etwas zu schnell. Es bleibt stellenweise unklar, weshalb Ivy ihre Haltung zum Camp so schnell ändert und wie sie den Übergang von ihrer anfänglichen Isolation hin zu einer so engen Freundesgruppe vollzieht. Der Wandel von ihrer Abneigung zu dem Camp hin zu „Ich möchte das Camp nie wieder verlassen” wirkt daher auf mich nicht vollständig nachvollziehbar. Vermutlich liegt das an der sehr zügigen Erzählweise und das in der Geschichte die ganze Zeit etwas passiert. 

Auch von großer Bedeutung in Sunny Dancer ist Ivys soziales Umfeld. Sie hat eine liebevolle Familie mit viel Humor, die sich nur das Beste für sie wünscht. Es ist schön so viel Unterstützung von den Eltern auf der Leinwand zu sehen. Auch erwähnenswert ist Ivys Verhältnis zu dem Camp Leiter Patrick, welcher sich ihr gegenüber öffnet und ihr zeigt, was wirklich die Bedeutung des Camps ist. 

Besonders mitreißend ist die Gruppendynamik zwischen Ivy, Jake, Ella, Ralph, Maisie und Archi. Die Chemie innerhalb der Gruppe wirkt sehr authentisch. Das ist einerseits dem schauspielerischen Können der Darsteller*innen zu verdanken, anderseits aber auch der intensiven Vorbereitung: Vor Drehbeginn haben sie eine Woche miteinander verbracht, um sich kennenzulernen und auch während der sechswöchigen Dreharbeiten lebten alle am selben Ort. Die Gruppe besteht aus sehr unterschiedlichen Charakteren, die zusammen eine facettenreiche und lebendige Truppe darstellen. Gemeinsam haben sie viel Spaß, sprechen offen über ihre jeweiligen Erfahrungen und brechen dabei des Öfteren die Regeln des Camps. 

Obwohl im Zentrum des Filmes diese Gruppe liegt, hatte ich das Gefühl, das manche Charaktere nicht tief genug beleuchtet wurden. Die Intention war es ja zu zeigen, dass die Jugendlichen so viel mehr als ihre Krankheit sind, doch trotzdem war es ziemlich oft Thema. Das starke Gemeinschaftsgefühl und das gegenseitige Verständnis werden zwar überzeugend dargestellt, doch scheinen die individuellen Charakterzeichnungen etwas darunter zu leiden.
In der Szene wo Ivy und Jake allein im Wasser sind und die Spannung zwischen den beiden deutlich zu spüren ist, sagt Ivy, dass sie glaubt ihn gar nicht richtig zu kennen. Daraufhin wird einmal die Krankheitsgeschichte der beiden abgecheckt und dann werden sie unterbrochen. In genau solchen Momenten hätte ich mir noch etwas mehr Tiefe gewünscht, denn so passiert genau das, was eigentlich vermieden werden sollte, es bleibt oberflächlich. Was genau den Charakter Jake ausmacht und weshalb der erzählerische Fokus so stark auf die Liebesbeziehung zwischen ihm und Ivy gelegt wurde, erschließt sich mir nicht ganz. Obwohl die Nähe zwischen den beiden sehr schön dargestellt wurde, hätte ich es genauso bereichernd gefunden wäre mehr auf die Dynamiken und Entwicklung der Freundschaften innerhalb der gesamten Gruppe eingegangen worden. 

Zusammenfassend ist Sunny Dancer ein unterhaltsamer und berührender Film, der sich mit Humor einem sensiblen Thema nähert und es schafft das Publikum dabei mitzunehmen, sei es lachend oder weinend. Man befindet sich vollkommen in Ivys Gefühlswelt und der Atmosphäre des CRF Camps während man ihre Entwicklung im Camp verfolgt. Durch das hohe Erzähltempo bleibt jedoch an einigen Stellen zu wenig Raum für eine Vertiefung der Charaktere oder das Nachvollziehen von Handlungen. Ein wenig Zeit für ein kurzes Innehalten hätte die Geschichte nahbarer gemacht. 

Mit seiner Feel-Good-Coming-of-Age Herangehensweise ist Sunny Dancer durchaus ein Film für ein breites Publikum. Der Regisseur bezeichnete den Film selbst als „low budget British Indie“. Zwar liegen keine genauen Angaben zum Budget vor, doch wirkt der Film im Vergleich zu dem, was man sonst bei Berlinale Generation sieht, deutlich zugänglicher und kommerzieller. Allein durch den bekannten Cast dürfte Sunny Dancer auch außerhalb des Festivals viel Aufmerksamkeit erhalten. Das bedeutet keineswegs, dass man den Film nicht sehen sollte, ganz im Gegenteil: Er ist berührend, unterhaltsam und durchaus empfehlenswert. 

Bildrechte: © Colin J Smith, SUNNY DANCER Distribution Limited

  • Anna-Farida

    Anna-Farida (19) interessiert sich für alle Formen der Kunst, besonders wie man eine bestimmte Stimmung mit Film ausdrücken kann. Schon seit sie klein ist besucht sie jedes Jahr die Berlinale, um Filme aus aller Welt zu sehen und die besonderen Eindrücke des Publikums einzufangen. Vor allem das Auseinandersetzten mit Filmen, sei es durchs Schreiben, Zeichnen oder Sprechen empfindet sie als wichtig.

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