Content Note: What Will I Become? thematisiert Depressionen, Suizid, sexualisierte Gewalt und trans*Feindlichkeit
Liebevoll und Einfühlsam. Das sind die ersten beiden Begriffe, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an die Dokumentation What Will I Become? von Lexie Bean und Logan Rozos denke – obwohl dieses künstlerische Werk noch so viel mehr ist als nur eine gewöhnliche Dokumentation.
Die Co-Regisseure haben selbst Suizid-Versuche überlebt und schaffen mit ihrem Film einen Raum, in dem die Geschichte von zwei jungen transmaskulinen Personen erzählt wird, die es nicht geschafft haben.
Kyler blieb eher für sich und wollte nie fotografiert oder gefilmt werden. Blake war Home Coming King, eine tumblr-Berühmtheit und hat mit seinen Posts, Fotos und Videos vielen Menschen aus der queeren Community als Vorbild geholfen. Die zwei kannten sich nicht und hatten abgesehen von der Musik wenig gemein, doch sie beide waren trans*Jungen, die nie aus ihren Teenie-Jahren herauswachsen konnten.
Sie stehen stellvertretend für die über 50% der transmaskulinen Personen, die Suizid versuchen.
Die Produktion kombiniert Interviews, Filmmaterial aus dem Kurzfilm BrocKINGton, Fotos – und wo Worte und Videos nicht mehr ausreichen, werden Musik und Collagen-artige Animationen eingesetzt, die auf zarte, berührende Weise von den Hürden und Hoffnungen der Jugendlichen erzählen und ihre Persönlichkeiten einfangen. Angehörige der beiden tragen uns noch näher an Kyler und Blake heran und lassen sie noch einmal aufblühen.
Es werden auch verschiedene Anlaufstellen für die trans*Community vorgestellt, vor allem für transmaskuline Personen. Projekte zur Suizidprävention, die die Last dieser Menschen erleichtern und Gemeinschaft schaffen wollen – unter anderem Darb Garb, die Trans-Line und die T-Man Hiking Group. Hier ist der tolerante und verständnisvolle Umgang mit trans*Personen in jedem Fall gewährt, während beispielsweise Kylers Mutter von Übergriffen und Diskriminierung von Polizei und Krankenhäusern berichtet.
Verflochten mit vielen eigenen Erfahrungen der Regisseure und großem Respekt für die Verstorbenen und deren Ummenschen wird sich den Thematiken angenähert.
Ich war stark ergriffen, bin es immer noch. Es ist das erste Mal, dass ich die trans*Community so nah, so ehrlich in einem Film dargestellt sehe. Es ist auch das erste Mal, dass ich mitbekomme, wie ihr überhaupt so viel wohlwollende Aufmerksamkeit gebündelt entgegengebracht wird.
Da ist es nicht verwunderlich zu erfahren, dass das gesamte Film-Team aus queeren und/oder direkt von Suizid betroffenen Menschen besteht. So werden ein Vertrauen, eine Sicherheit aufgebaut, die man in jeder Ader dieses Kunstwerkes spüren kann. Ein Raum wird geschaffen, in dem man sich auch als Zuschauer*in aufgehoben und beschützt fühlt. Man fühlt sich den Menschen nah, die man dort auf der Leinwand kennenlernt. Es ist fast so als würde man mit Logan und Lexie zusammen in ihrer kleinen Decken-Burg sitzen, umgeben von Lichterketten. Dort kann man mit den Menschen weinen, schmunzeln, in Gedanken versinken und all die Emotionen ausleben, die durch den Film fließen, diesen Webteppich aus Trauer, Wut, Angst, aber auch Hoffnung, Liebe und Gemeinschaft. Natürlich sind die Thematiken zum Teil sehr schwer, aber es wird auch viel Platz für Erleichterung gelassen.
Die Sichtbarkeit von trans*Menschen in den Medien ist wichtig, vor allem als Gegenpol zu all den Hassverbrechen, der Diskriminierung und Einschränkungen von trans*Rechten überall auf der Welt. Gerade in den USA, dem Ursprungsland der Produktion, ist ein Hoffnungsschimmer wie dieser Film dringend notwendig. Der Film erzählt auch von schlechten Erfahrungen mit der Polizei und Krankenhäusern, in denen den Jugendlichen zum Teil ihre Identität aberkannt wurde. Es wird klar, dass wir nicht Angst und Hass die Welt regieren lassen dürfen, sondern zusammen dabei helfen müssen, eine Welt zu bauen, in der alle willkommen sind. Auch die Angehörigen der Verstorbenen haben in ihrer Trauer Zusammenhalt gefunden und erfahren, dass sie nicht alleine sind. Diese Botschaft trägt der Film direkt ins Herz der Zuschauenden.
Wie schon erwähnt, ist What Will I Become? eine Dokumentation, in der Themen wie Depressionen und Suizid besprochen werden. Deshalb würde ich vorschlagen, ihn nicht alleine zu schauen oder danach wenigstens mit jemandem darüber zu reden.
Abgesehen davon lege ich den Film auf jeden Fall jedem sehr ans Herz!
Für die warmen Bilder, für die persönliche Musik und die berührenden Animationen. Für die wichtigen Schwerpunkte die gesetzt und vor allem für die Art, wie diese mit Zuversicht und Liebe vermittelt werden.


