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Weiterschwimmen oder untergehen

„Chicas Tristes“, Sad Girlz von Fernanda Tovar , erzählt von der einen überrennenden Traurigkeit und dem Ohnmachtsgefühl nach einer Vergewaltigung. Bildgewaltig erzählt der Film nicht von dem Übergriff, sondern davon, was er in der betroffenen Person und den Menschen, die ihr nahe stehen, auslöst.
Paula(Darana Álvarez) und Maestra (Rocio Guzmán) sind beste Freundinnen, beide sind Teil eines Schwimmteams. Als Paula auf der Silvesterfeier von einem Teamkollegen des Schwimmteams vergewaltigt wird, verändert sich schlagartig auch die Beziehung der beiden Freundinnen.

Mit viel Empathie porträtiert die Regisseurin die Freundschaft zwischen zwei Teenagern. Getreu der realen Dynamik zwischen besten Freundinnen fängt die Regisseurin die Schönheit weiblicher Freundschaft ein. Der Film zeigt nicht die Grausamkeit der Gewalt sondern gibt Hoffnung und hält sich an den schönen Dingen fest, genauso so wie Paula und Maestra aneinander festhalten. Auch wenn es nicht immer einfach ist einander halt zu geben, vorallendingen weil die beiden sich nicht einig darüber sind was nach der Straftat zutun ist. Maestra ist überfordert, sie möchte Paula helfen, doch weiß nicht wie sie dies tuen soll ohne gegen Paulas Willen zu handeln. Maestra spürt ein tiefes Unverständnis darüber, wie jemand Gewalt antun kann, ohne selbst Schaden zu nehmen. Aus dem Unverständnis rührt eine tiefe Wut. Eine Wut darüber, wie jemand zur eigenen Befriedigung die körperliche Unversehrtheit einer anderen Person so sehr verletzt. Der Akt der Gewalt wird nicht explizit gezeigt. Dadurch erzählt der Film von einer stillen, nicht immer sichtbaren Gewalt. Von Beginn an wird ein Gefühl des Alltäglichen etabliert, durch lange stille Aufnahmen und alltägliche Gespräche. Denn so ein Akt der Gewalt, wie er Paula passiert ist, ist alltäglich. Der Film hat eine Ruhe, er lässt den Protagonistinnen Zeit, den Übergriff für sich selbst einzuordnen. Wir realisieren mit Paula gemeinsam, was passiert ist. In keiner Szene versucht der Film die Gewalt zu dramaturgisieren oder zu Zwecken der Spannung zu nutzen.


Die Regisseurin arbeitet viel mit Stille. Die stillen Aufnahmen sagen oft mehr aus als Dialoge und geben den Zuschauern Raum für die eigenen Gedanken. Jedes Bild hat Aussagekraft, geschickt verarbeitet die Regisseurin Themen nicht nur durch Handlung und Dialog, sondern auch durch die Bilder. Durch Spiegel, Schaufenster und das Wasser ist im Frame so viel mehr zu sehen als was gefilmt wird. Die helle Farbgebung und visuell ansprechenden Bilder untermalen, dass sexuelle Gewalt nicht brutal aussehen muss um es zu sein. Die Mädchen sind eigentlich glücklich, sie haben einander, Freude am Schwimmen, doch der Übergriff löst eine tiefe Traurigkeit aus. Es stellt sich die Frage: „Was ist der Grund für die Traurigkeit bei Mädchen, auch wenn sie verborgen ist? Du fängst an den Film zu gucken und du siehst glückliche Mädchen, und fragst dich was los ist. Und dann fängst du an, den Grund für eine versteckte Traurigkeit von Frauen im Allgemeinen zu verstehen.“ (Fernanda Tovar im Interview). Der Film versucht nicht eine Lösung für die Traurigkeit zu finden, sondern etabliert sie als eine Konstante in unserer patriarchalen Welt. Trotz der Traurigkeit fokussiert sich der Film auf die Freundschaft und wie viel Freude sie Paula und Maestra bringt. Ich finde es toll, dass sich an diesem Element festgehalten wird, anstatt sich auf die Gewalt zu konzentrieren. Dem Täter wird kein Raum gegeben. Er hat diese Gewalt angetan und sonst spielt er keine Rolle. Denn er steht stellvertretend für sehr viele junge Männer, die die Grenzen nicht akzeptieren. Junge Männer, die nicht unbedingt gewalttätig sind. Denen von der Gesellschaft erlaubt wird, zu handeln , ohne Konsequenzen zu fürchten. Dahinter steckt nicht eine Person, die ausbricht, sondern ein System. Ein System, in dem die Selbstbestimmung der Frau nicht ernst genommen wird, ein System, in dem so viel unsichtbare Gewalt stattfindet. Auch wenn der Film eine individuelle Geschichte erzählt, spricht er von einem universellen Problem.

Ein Element, das den ganzen Film begleitet, ist das Wasser. Schwimmen macht den beiden Spaß, im Team fühlen sie sich wohl. Dieser safe space wird Paula dadurch genommen, dass der Täter ein Kollege aus dem Team ist. Wasser ist fließend und immer in Bewegung, man kann darin schwimmen oder untergehen. Nach dem Übergriff, als Paula das erste Mal wieder im Wasser ist, kriegt sie einen Krampf und droht unterzugehen. Danach fängt sie an das Schwimmtraining zu schwänzen. In Kontakt mit Wasser kommt sie erst wieder, als sie und Meastra high sind. In dem kleinen Plastik Pool auf ihrem Dach nähert Paula sich erstmals wieder dem Wasser an. Nach und nach traut sie sich immer weiter ins Wasser. Gemeinsam mit Maestra schafft Paula es weiter zu schwimmen. Das Wasser begleitet Paula bei der Verarbeitung des Übergriffs. Der Übergriff wird nie in Frage gestellt, die Schuldfrage ist klar. Es geht nicht darum, wer Schuld hat, denn darüber lässt der Film keine Zweifel, sondern es geht darum, wie die Mädchen damit umgehen.


„Chicas Tristes“ schafft es, das in Bilder zu fassen, wofür man sonst schwer die Worte findet. Ein Film, der tief berührt und einem das Gefühl gibt, nicht allein zu sein.

„Chicas Tristes“, Ein Gedicht von Charlie

Schwimmen, Schwimmen in Emotionen

Erst Freude, Spaß, Ausgelassenheit

Halt

Halt in Freundschaft

Schwimmen

Ab tauchen, Tauchen in Emotionen

Tiefer, tiefer

Nein gesagt -Nein

Nein ist doch nein?

Tiefer, tiefer, tauchen

Angst, auch leichte Hoffnung?

Helfen, Freundschaft

Hoffnung

Tauchen, aufsteigen, höher

Auf tauchen

Ein falscher Schritt

Ein Versehen

Missverständnis, egoistisch?

Eigentlich helfen, doch Schuld

Ertrinken, Ertrinken in Emotionen

Angst, Trauer, Schuld

Verlassen, Alleine, Zurückziehen

Schuld, Verlust, Enttäuschung

Ertrinken

Atmen

Ein Blick
tausend Worte

Hoffnung, Luft, Verständnis

stummes Verständnis

Freundschaft

Atmen

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