Kritik zu „Atlas of the Universe“
In dem rumänischen Film „Atlasul universului“ erzählt Regisseur Paul Negoescu eine sehr ungewöhnliche Heldenreise: Zu seinem Geburtstag darf sich der zenhjährige Filip endlich die lang ersehnten Fußballschuhe kaufen, die seine alten, kaputten ersetzen sollen. Um sich das neue Paar zu kaufen, macht er sich von seinem Heimatdorf Livezeni in die Nachbarstadt Sânpetru auf. Was eigentlich eine schnelle Besorgung sein könnte, wird zum längerfristigen Problem: Denn Filip kauft aus Versehen zwei rechte Schuhe. Als ihm das auffällt, eilt er zurück zum Schuhladen, aber außer einer Rückerstattung kann der Ladenbesitzer ihm nicht viel anbieten – ein passendes Paar würde erst in einigen Wochen ankommen.
Doch so schnell gibt sich Filip nicht geschlagen, er möchte unbedingt mit dem richtigen Paar Schuhen nach Hause kommen. Er nimmt die Spur auf und bricht auf nach Grebenișu, denn da soll der Sohn von Miron leben, der kurz vor Filip die gleichen Schuhe gekauft hat. Vielleicht hat der ja dann die beiden linken Schuhe bekommen. Also begibt sich Filip auf diese unerwartete Reise, auf der er vielen Ängsten begegnet, aber vor allem auch immer mehr Mut fasst.
Schon als der Film mit der Soundkulisse eines Stadions einsetzt, bevor wir überhaupt etwas sehen, begreifen wir: Fußball ist Filips große Leidenschaft. Sein großer Bruder Andu hat es schon geschafft, erfolgreicher Fußballer zu werden und spielt in einem italienischen Verein. Seit der nicht mehr bei seiner Familie wohnt, hat Filip Angst alleine einzuschlafen. Damit steigt der Film ein, ebenso wie mit den Anweisungen von Filips Mutter, wie er am besten die neuen Fußballschuhe kaufen und dass er auf keinen Fall seinem Vater das Geld geben solle. Denn der lässt sich kurz nachdem die beiden aufgebrochen sind tatsächlich von einem Freund breitschlagen, in Sânpetru etwas trinken zu gehen und macht mit Filip einen Treffpunkt aus, der schließlich alleine weiterzieht.
Nachdem er das Missgeschick bemerkt und sich schon auf den Weg nach Grebenișu gemacht hat, begegnet Filip immer wieder Leuten auf seinem Weg, die ihm teilweise helfen, teilweise Angst einjagen, oder mit denen er sich schnell anfreundet. So hilft ihm ein fremder Mann zum Beispiel, seine Angst zu überwinden und an einem Hund, der wachend auf der Straße sitzt vorbeizulaufen. Als der Hund dann plötzlich anfängt, ihm hinterherzulaufen, benennt ihn Filip nach seinem Lieblingsfußballspieler, „Mbappé“, und die beiden werden schnell Weggefährten. Auch später auf seiner Reise trifft er einen alten Mann, der die vertrocknete Ernte auf einem Feld verbrennt und Filip hilft, seine Angst vor dem Feuer abzulegen: „Jetzt wirst du nie wieder vor etwas Angst haben.“
Besonders herzerwärmend sind aber vor allem die Freundschaften zwischen den Kindern, die sich im Film ganz natürlich, sehr schnell und warm entwickeln – ein Mädchen, das Filip den Jahrmarkt bei Grebenișu zeigt und ihm hilft, seine Schuhe zu reparieren, ein Junge, der ihm ohne zu zögern sein Fahrrad leiht und Mircea, der Besitzer des anderen Schuhpaars, der Filip auch unbedingt helfen möchte.
Diese Erzählweise und damit die Augenhöhe, mit der der Film und damit der Regisseur Paul Negoescu den Kindern begegnet, trägt durch die Geschichte. Genauso wie die bemerkenswerte schauspielerische Leistung des sehr jungen Haupdarstellers Matei Donciu, der uns mit seiner natürlichen und liebenswerten Art in den Bann zieht, und dabei nicht nur unsere Herzen, sondern zurecht auch die all derer, denen er auf seiner Reise begegnet, erobert.
Es ist kein Film, der auf aufbauschende Weise, durch eine spektakuläre Handlung, viel Dramatik oder Überraschungsmomente versucht, ganz viel zu sein – er erzählt ganz ruhig eine Geschichte von Selbstständigkeit, dem Finden von Mut, und thematisiert nebenbei Armut oder einen Vater, der lieber was trinken geht, als für seinen Sohn da zu sein. Aber vor allem bleibt er ganz nah an den Kindern, in dem er sie in jeglicher Hinsicht ernst nimmt. In ihren Ängsten, in ihren Träumen, in den Gesprächen und Gedanken, und darin, mit welcher Offenheit und Hoffnung sie durch ihre Welt gehen.
In dieser schlichten Stärke liegt die Schönheit des Films – nicht ohne Grund vergibt die diesjährige Internationale Jury hier ihre Lobende Erwähnung für einen Langfilm der Sektion Kplus. Es ist eine herzerwärmende Freude, Filip auf seiner Reise zu begleiten und der Film damit eine ganz klare Sehempfehlung! Ob er jetzt nach dem Festival auch in Deutschland erscheinen wird, ist noch unklar, ich hoffe es aber sehr.


