Über 30 Jahre sind vergangen, seit die Apartheid in Südafrika offiziell beendet worden ist. Doch ein 46 Jahre bestehendes System, das auf Jahrhunderte des Kolonialismus aufbaute, lässt sich nicht so einfach abschütteln. Das zeigt auch der diesjährige Generationsfilm Black Burns Fast von Sandulela Asanda, welcher sich mit den Erfahrungen einer queeren Schwarzen Schülerin an einer südafrikanischen Privatschule beschäftigt, sowie der Dokumentarfilm TUTU von Sam Pollard, der das Leben und Wirken Desmond Tutus mit bislang unveröffentlichten Videoaufnahmen einfängt (Berlinale Special Presentation). Um Südafrika heute zu verstehen, braucht es einen Blick in die Geschichte der Apartheid – wie es dazu kam, wie sie verlief, und wie sich das Land seitdem entwickelt hat.
Koloniales Erbe
Apartheid (Afrikaans für „Getrenntheit“, zu deutsch auch als Rassentrennung bezeichnet) hat ihre Wurzeln in der niederländischen und britischen Kolonisation. 1652 wurde die erste niederländische Siedlung im heutigen Kapstadt gegründet. Die niederländischen Siedler:innen stahlen indigenes Land, versklavten die indigene Bevölkerung und brachten auch Sklav:innen aus Indonesien, Madagaskar und Indien ins Land, um sich dort ein neues Leben aufzubauen – oder eher aufbauen zu lassen. Aus dem Niederländischen entwickelte sich die Sprache Afrikaans, für die Siedler:innen etablierte sich der Begriff Buren (Afrikaans: boers) oder Afrikaners.
Über ein Jahrhundert später, in dem sich die Bedingungen für die Schwarze Bevölkerung nicht besserte, übernahm Großbritannien im Jahr 1795 die Herrschaft über die Kapkolonie. Die Abschaffung der Sklaverei im britischen Einflussgebiet 1833 brachte für viele Afrikaners das Fass zum Überlaufen. Ab 1835 verließen etwa 13.000 Buren den Süden des Landes und wanderten in den Nordosten aus, um dort unabhängig von der Britischen Regierung leben zu können. Diese Migration wird auch als The Great Trek bezeichnet und ist heute eine stolze Erinnerung im Afrikaner Nationalismus. Aus Sicht der Schwarzen indigenen Bevölkerung war es jedoch kein Befreiungsschlag und Schlüsselmoment der Unabhängigkeit, sondern eine weitere Tragödie. Die migrierenden Buren vertrieben tausende Ureinwohner:innen von fruchtbarem Land, um es sich selbst unter den Nagel zu reißen. Dabei wurden Massaker ausgetragen, die zahlreiche Indigene das Leben kosteten.

Nach fast drei Jahrhunderten der Kolonialisation, die sowohl auf britischer als auch auf niederländischer Seite auf Ausbeutung der Schwarzen indigenen Bevölkerung beruhte, kam es 1910 nach dem Ersten und Zweiten Burenkrieg zur Erklärung der Unabhängigkeit von Großbritannien und Gründung der heutigen Republik Südafrika. Die Regierung wurde dabei durch Afrikaners und englischsprachige Weiße gebildet. Der Schwarzen Bevölkerung wurde das Wahlrecht verwehrt. Durch den Natives Land Act von 1913 waren Schwarze außerdem stark bei Erwerb und Pacht von Ländereien außerhalb sogenannter Native Reserves eingeschränkt. Die rechtsgerichtete Nasionale Party (NP, dt.: Nationale Partei) wurde in den folgenden Jahrzehnten unter der Führung von James Hertzog immer extremer und erfolgreicher und stützte sich stark auf Rassismus und die angebliche Überlegenheit weißer Personen über Menschen anderen ethnischen Hintergrunds. Ein Bündnis mit der South African Party zerfiel beispielsweise, weil die Anhänger der NP mit den Nazis in Deutschland sympathisierten und den Anschluss Südafrikas an die Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht befürworteten.
Geburt der Apartheid
Die Regierungsübernahme der NP im Jahre 1948 markierte letztendlich den Beginn der Apartheid. Zwar wurde die räumliche Trennung verschiedener Ethnien und der systematische Rassismus bereits seit Jahrhunderten gelebt. Nun wurden diese Missstände jedoch im Gesetz verankert und weiter ausgebaut. Während der Rest der Welt sich entsetzt mit den Folgen des tief rassistischen Nationalsozialismus in Deutschland auseinandersetzte und Besserung gelobte, begann in Südafrika ein neues Zeitalter der Spaltung.
Gesetzlich verankertes Unrecht
Zu den frühen Apartheid-Gesetzen zählen die folgenden:

- Prohibition of Mixed Marriages Act, 1949: Ehen zwischen Menschen verschiedener ethnischer Herkunft wurden verboten
- Population Registration Act, 1950: eine Datenbank aller Bürger:innen wurde angelegt, die Informationen über die Ethnie (eingeteilt nach weiß/Schwarz/Coloured/Indisch) erfasste
- Group Areas Act, 1950: die vier Gruppen laut Population Registration Act wurden räumlich getrennt und durften sich nur noch in ihnen zugewiesenen Gebieten aufhalten; insbesondere Nichtweiße wurden vertrieben, um für weiße Menschen Platz zu machen; Gebiete, die Nichtweißen zugewiesen waren, waren häufig ungeeignet für Landwirtschaft oder industrielle Entwicklung
- Natives Act, 1952: alle nichtweißen Männer ab 16 Jahren mussten Pässe bei sich tragen, wenn sie sich außerhalb eines ihnen zugewiesenen Gebietes aufhielten – nichtweiße Menschen durften sich für Arbeitszwecke in „weißen Gebieten“ aufhalten, jedoch nur zu ihren Arbeitszeiten
- Separate Amenities Act, 1953: öffentliche Einrichtungen und Infrastruktur wie Toiletten, Parkbänke, Eingänge zum Postamt und Busse waren nach ethnischer Herkunft getrennt
- Natives Resettlement Act, 1954: Nichtweiße durften aus ihren Häusern vertrieben werden, um Platz für weiße Geschäfte und Wohnungen zu machen

In den Jahren der Apartheid durften nichtweiße Personen nur selten Land besitzen. Die ihnen zugewiesenen Gebiete lagen häufig am Stadtrand, weit weg von ihren Arbeitsplätzen in sogenannten Townships, die stark unterentwickelt waren und blieben. Denn Investitionen wurden nur in durch Weiße bewohnte Gebiete gesteckt, meist fruchtbares Farmland und Stadtzentren. Weiterhin wurde in Industrien investiert, die auf die Ausbeutung der Schwarzen Bevölkerung ausgelegt war, wie der Abbau von Gold, Diamanten und anderen Rohstoffen. Auf sauberes Wasser, Elektrizität und medizinische Versorgung hatten Nichtweiße viele Jahre kaum Zugriff.
So erlebte das Land zwar einen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde in den 1960er Jahren als einziges afrikanisches Land zur „Ersten Welt“ gezählt. Doch die nichtweiße Bevölkerung profitierte davon kaum. Die gut bezahlten Berufe waren für Weiße vorbehalten, während Nichtweiße insbesondere im Service oder im Bergbau angestellt waren. Land durfte nur von Personen der gleichen ethnischen „Gruppe“ erworben werden – der Großteil des Landes war jedoch bereits in weißer Hand. Auch Bildungsinstitutionen waren vor allem für die Schwarze Bevölkerung unzugänglich, sodass sie sich nicht für Jobs mit besseren Arbeitsbedingungen qualifizieren konnten – ein Teufelskreis. Nichteinhaltung dieser Apartheid-Gesetze wurde aufs Äußerte bestraft. Offener Widerstand oft mit Inhaftierung oder mit dem Tod.
Widerstand
Schon 1952 rief die Partei African National Congress (ANC) zum Widerstand gegen das Apartheidssystem auf. 1912 als Partei für die Schwarze Elite des Landes gegründet, war der ANC in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich an der Auflösung der Apartheid beteiligt. Zu Anfang organisierte die Partei vor allem friedliche Proteste. Die sogenannte Defiance Campaign sollte bspw. dazu führen, dass die Gefängnisse bei Verhaftungen von Demonstrant:innen überlastet werden und die Regierung von weiteren Inhaftierungen absehen müsste. Dieses Vorhaben wurde jedoch aufgegeben, als zu viele Demonstrant:innen schwer verletzt wurden. Dennoch folgten viele weitere Proteste. So auch am 21.03.1960, als Polizeibeamte in einem Township auf friedliche Demonstrant:innen schossen und 69 von ihnen ums Leben kam. Der Tag wird heute als Sharpeville Massacre erinnert.

Ein Wendepunkt war der Aufstand in Soweto (Soweto Uprising). Insbesondere im Bildungskontext hatten sich die Zustände seit Beginn der Apartheid deutlich verschlechtert. Es gab zu wenige Schulplätze für Schwarze Kinder und auch die finanziellen Bedingungen waren katastrophal. Während für weiße Kinder jährlich 644 Rand (inflationsbereinigt heute etwa 60€) ausgegeben wurden, waren für Schwarze Kinder lediglich 42 Rand (≈ 3,50€) vorgesehen. Die Einführung von Afrikaans als Pflichtsprache in Schulen brachte das Fass letztendlich zum Überlaufen. Am 16.06.1976 organisierten Schüler:innen in Soweto (nahe Johannesburg) einen friedlichen Protest gegen den Zwang, die Kolonialsprache Afrikaans auch in der Schule sprechen zu müssen. Trotz des friedlichen Ablaufs schossen Polizeibeamte in die Menge und eskalierten die Situation. Mehrere Schüler:innen kamen ums Leben. Als Antwort auf die umprovozierte Polizeigewalt begannen die Demonstrierenden, Autos und Gebäude in Brand zu setzen. In den folgenden Stunden und Tagen kamen bei den Aufständen hunderte Menschen ums Leben.
Nelson Mandela und Desmond Tutu
Zwei Namen, die im Zusammenhang mit Südafrika und dem Kampf gegen die Apartheid immer wieder fallen, sind Nelson Mandela und Desmond Tutu.

Nelson Mandela (1918-2013), der schon zu Zeiten seines Studiums politisch aktiv war, trat 1944 dem ANC bei und wurde schnell zu einer führenden Person. So beteiligte er sich an der Formulierung der sogenannten Freiheitscharta, die 1955 von über 3.000 Apartheidsgegner:innen im Volkskongress beschlossen wurde. Dies war der Grund für seine erste Verhaftung 1956. Als der ANC 1960 als unrechtmäßige Organisation im Namen des Unlawful Organizations Act verboten wurde, ging die Partei in den Untergrund. So auch Mandela, der sich zu dieser Zeit für einen bewaffneten Widerstand aussprach und den paramilitärischen Flügel des ANC, Umkhonto we Sizwe (MK), gründete. Ziel des MK war es, Menschenleben möglichst zu verschonen und insbesondere militärische und symbolische Ziele anzuvisieren. 1962 wurde Mandela erneut verhaftet und 1964 im Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Obwohl er insgesamt 27 Jahre inhaftiert war, wurde er zur Symbolfigur des Freiheitskampfes Schwarzer Südafrikaner:innen – auch über die Grenzen Südafrikas hinaus.

Desmond Tutu (1931-2021), ein Anglikanischer Bischof, nutzte die Plattform seiner Kirche als offener Apartheidgegner. Er stieg innerhalb der Anglikanischen Kirche auf, wurde zunächst Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrats, Bischof von Lesotho und Bischof von Johannesburg und letztendlich Erzbischof von Kapstadt. In seinen Ämtern setzte er sich für Frauenrechte und LGBTQ+ Rechte, sowie Rechte nichtweißer Personen in Südafrika ein. Für seinen Aktivismus wurde ihm 1984 der Friedensnobelpreis verliehen. Übrigens verglich er bei einem Besuch Jerusalems 2002 die Zustände in Palästina und die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung durch die israelische Regierung mit den Leiden der Schwarzen Bevölkerung unter dem Apartheid-Regime. Er konnte nicht nachvollziehen, wie Israel einerseits gegen die Apartheid in Südafrika einstand und andererseits Palästinser:innen im eigenen Land unterdrückte (hier nachlesbar). An dieser Stelle also eine Empfehlung, sich mit der historischen und fortwährenden Unterdrückung des palästinensischen Volkes auseinanderzusetzen – insbesondere an alle, die das Lesen dieses Artikels emotional aufwühlt.
Das Ende der Apartheid
Während der ANC und weitere Untergrundorganisationen sich weiterhin im friedlichen wie bewaffneten Widerstand mobilisierten, sodass über die Jahre ganze Townships faktisch unregierbar wurden, wuchs auch von außerhalb der Druck auf die südafrikanische Regierung, die Apartheid zu beenden. Schon 1961 musste Südafrika das Commonwealth verlassen und durfte ihm erst 1994 nach Ende der Apartheid wieder beitreten. 1973 denunzierte die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Apartheidsystem. In den 80er Jahren wurden international diverse Sanktionen verhängt. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Desmond Tutu war ein weiteres Zeichen, dass die internationale Gemeinschaft das System der Apartheid ablehnte. Auch weiße Südafrikaner:innen merkten vermehrt, dass das System auf lange Sicht nicht haltbar wäre, und suchten den Kontakt zum noch immer verbotenen ANC. 1989 wurde F. W. de Klerk als Vorsitzender der NP zum Präsidenten Südafrikas gewählt und setzte sehr bald Reformen um, wie die Aufhebung des Verbots des ANC. Am 11.02.1990 veranlasste er außerdem die Freilassung von Nelson Mandela, mit dem er sich zuvor bereits im Gefängnis getroffen und eine mögliche Zukunft Südafrikas besprochen hatte. Auch andere Apartheidsgesetze wurden im Laufe der folgenden Jahre aufgelöst, sodass am Tag der Wahlen 1994 erstmalig alle Südafrikaner:innen unabhängig ihres ethnischen Hintergrunds Wahlrecht hatten. Der ANC gewann 62,6 % der Stimmen und Nelson Mandela wurde zum ersten Schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt.
Aufarbeitung und Versöhnung
Sowohl Desmond Tutu als auch Nelson Mandela setzten sich für einen friedlichen Übergang in ein freies Südafrika ein. Es sollte keine Verurteilung im Stil der Nürnberger Prozesse geben, aber auch keine Generalamnestie. Stattdessen wurde die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) einberufen. Ziel war die „nationale Einheit“ und „Versöhnung“. Alle Menschenrechtsverletzungen im Rahmen der Apartheid seit 1960 sollten von Täter:innen- und Opferseite beleuchtet werden. Insgesamt wurden in über 21.000 Opferaussagen mehr als 37.000 Menschenrechtsverletzungen festgestellt. Vorsitzender dieser Anhörungen war Desmond Tutu selbst. Mit dem Prinzip „Vergebung statt Vergeltung“ sprach er Amnestie für diverse politisch motivierte Taten aus, auch wenn es sich um sexualisierte Gewalt, Mord und Totschlag handelte. Für Tutu und andere Verfechter:innen der Wahrheitskommission war es wichtiger, die ganze Wahrheit anzuhören und sich aufgrund dieser zu versöhnen, statt auf Vergeltung zu pochen. Insgesamt gilt die Wahrheitskommission als Erfolg und wurde Vorbild von ähnlichen Kommissionen in anderen Ländern. Doch es wurde auch viel Kritik daran geübt, zahlreiche Täter:innen ungestraft davonkommen zu lassen.

Mandela verstand es, die weißen Südafrikaner:innen im neuen Südafrika nicht zurückzulassen, wie es viele befürchtet hatten. Ein Beispiel dafür ist im Film Invictus (2009) von Clint Eastwood mit Morgan Freeman und Matt Damon festgehalten: Bei der Rugby-Weltmeisterschaft 1995 trat die ehemals weiße Nationalmannschaft erstmalig mit einem gemischten Team an und gewann letztendlich auch den Titel. Mandela hatte zuvor bewusst seinen Fokus auf den in Südafrika sehr weiß geprägten Sport gelegt und konnte mit dem Sieg der Mannschaft ein Gefühl von Einigkeit generieren. Zudem ernannte er de Klerk zu seinem Vizepräsidenten und arbeitete wie vor seinem Amtsantritt eng mit ihm und weiteren weißen Führungspersonen zusammen. Für ihre gemeinsamen Bemühungen erhielten Mandela und de Klerk 1993 den Friedensnobelpreis. Insgesamt lag Mandelas Priorität in der Versöhnung der weißen und Schwarzen Bevölkerung, sowie der Abwendung des wirtschaftlichen Einbruchs, während er umfangreiche Rechte für die gesamte Bevölkerung in der neuen südafrikanischen Verfassung festhielt.
Südafrika heute
Obwohl sich die Umstände insbesondere auf rechtlicher Ebene für die Schwarze Bevölkerung in Südafrika mit Ende der Apartheid deutlich besserten, ist das Land auch heute noch von Ungerechtigkeiten geprägt. Die reichsten 1 % der Bevölkerung besitzen 70,9 % des Reichtums, den Ärmsten 60 % gehören nur 7 % südafrikanischer Besitztümer. 2019 lag das jährliche Haushaltseinkommen Schwarzer Südafrikaner:innen bei 60.000 R (~5.700 $), bei weiß-geführten Haushalten waren es 365.000 R (~34.300 $). Die Arbeitslosenquote liegt unverändert bei über 30 %.
Im Rahmen des Reconstruction and Development Programme (RDP) ließ der ANC ab 1994 eine Vielzahl an Häusern bauen, um günstige Wohnräume zu schaffen. Zum einen ließ die Geschwindigkeit der Neubauten aber ab 1996 immer weiter nach, zum anderen bestärkte die Neubauten die bestehende räumliche Trennung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Durch die Segregation der Apartheid lebten die meisten Schwarzen Südafrikaner:innen in Townships am Stadtrand – und hier wurden auch die neuen Häuser des RDP gebaut. Da die meisten Anwohner:innen jedoch im Stadtzentrum arbeiten, müssen sie für immense Transportkosten aufkommen, um mir Arbeit zu kommen, was die wirtschaftliche Ungleichheit noch verstärkt.

Auch das Bildungssystem ist noch lange nicht zugänglich für alle, obwohl es auf dem Papier so aussehen mag. Schwarze machen mit 80 % den Großteil der südafrikanischen Bevölkerung aus, doch nur 9 % aller Schüler:innen und Studierende in höhen Bildungseinrichtungen sind Schwarz.
Nach Mandelas Rücktritt 1999 blieb der ANC auch die nächsten vier Wahlen unangefochten an der Macht. Doch obwohl insbesondere der ANC sich über Jahrzehnte für die Rechte Schwarzer Menschen und gegen Apartheid einsetzte, verhindern Korruption und Machtmissbrauch ein tatsächliches Aufblühen des Landes. Geplante Stromausfälle durch das staatlich geführte Stromversorgungsunternehmen ESKOM, welches spätestens zu Zeiten von Jacob Zuma Präsidentschaft in Misswirtschaft geriet, gehören zum Alltag in Südafrika dazu. Öffentliche Angebote und Einrichtungen wie Nahverkehr und Schule sind qualitativ so schlecht, dass private Angebote genutzt werden, sofern die finanziellen Möglichkeiten dazu bestehen. Das begünstigt die fortwährende Ungleichheit, insbesondere zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die durch Südafrikas Kolonial- und Apartheidsgeschichte geprägt sind. Auch Desmond Tutu äußerte sich ab 2008 immer deutlicher kritisch gegenüber dem ANC. Bei der letzten Wahl 2024 konnte der ANC erstmalig nicht die absolute Mehrheit erreichen und regiert seitdem in einer Koalition. Es bleibt zu hoffen, dass sich die zumindest die politisch verschuldeten Missstände im Laufe der nächsten Jahre durch eine Regierungsbeteiligung anderer Parteien bessern werden.
Der diesjährige Berlinalefilm TUTU befasst sich mit dem Leben Desmond Tutus und beleuchtet seinen Beitrag zur Beendigung der Apartheid und zur Wahrheitskommission. Da ist es nicht verwunderlich, dass er am letzten Berlinalesonntag unter anderem den Friedensfilmpreis der Heinrich-Böll-Stiftung abstauben konnte. Black Burns Fast bietet indes Einblicke in das Leben queerer Schwarzer Frauen in Südafrika heute. Das eindeutigste Überbleibsel der Apartheid bleibt der tief verankerte Rassismus, der sich in den systematischen Ungleichheiten, aber auch täglichen Mikroaggressionen widerspiegelt. In Kombination bieten die beiden Filme eine intime Einführung in die Realität der „Regenbogennation“ und die Umstände, die sie zu dem machte, was sie heute ist. Black Burns Fast wird nach der Berlinale auf Amazon Prime zu sehen sein, die große Produktion TUTU kommt sicherlich in die Kinos und wird ebenfalls auf Streamingdiensten zu finden sein.
Quellen
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