Triggerwarnung Sexualisierte Gewalt.
Mit „17“ und „Chicas Tristes“ befassen sich zwei Filme mit dem Thema Vergewaltigung. Die Ansätze könnten hierbei nicht unterschiedlicher sein. In diesem Artikel möchte ich den Unterschieden auf den Grund gehen. Über Chicas Tristes wurde bei Generation Reports mehrfach berichtet, demnach fokussiert sich der Artikel etwas mehr auf 17.
17
Chicas Tristes


Tiefes Ausatmen um mich herum, als der Abspann rollt. Diesen Film muss man erst einmal sacken, die Intensität abklingen lassen.
In „17“ begleiten wir die Schülerin Sara auf eine Klassenfahrt. Der Film beginnt damit, wie die Hauptdarstellerin von zwei Jungen aus ihrer Klasse sexuell missbraucht wird. Was zu Beginn noch wie gemeinsames Ausprobieren aussieht, entpuppt sich schnell als Vergewaltigung, als einer der Jungen ihr die Hand auf den Mund hält und ihr immer wieder „Sei still“ zuzischt, während er sich gewaltvoll an ihr vergeht.
Mit lautem Geschrei und Gegröle von Jugendlichen, dröhnender Musik und hoffnungslos unterlegenen Lehrerinnen geht es nun auf Klassenfahrt. Völlig überreizt folgen wir Sara, wie sie versucht, diese Klassenfahrt einfach nur zu überstehen. Die aufmerksame Außenseiterin Lina wird bald zur Verbündeten. Mit der Zeit erfahren wir, dass Sara neben der Vergewaltigung noch ein weiteres Geheimnis mit sich trägt: sie ist schwanger. Mit Tüchern bindet sie ihren Bauch ab, damit es niemandem auffällt, einen ausgeleierten Pullover drüber und niemand stellt Fragen. Bald schon wiederholt sich die sexuelle Gewalt an ihrer neu gewonnenen Freundin. Wir begleiten Sara dabei, wie sie versucht Lina davor zu bewahren, jedoch nicht ernstgenommen und zurückgedrängt wird. Schließlich gelingt es ihr, Lina aus der Situation zu befreien, doch das Schlimmste ist hier bereits geschehen.
Der Film spitzt sich weiter zu, als Saras Fruchtblase platzt und sie die lange Busfahrt zur Grenze Griechenlands in Qualen übersteht, möglichst still, den Kopf an die Fensterscheibe gepresst, bebend. An der Grenze hält sie es nicht länger aus, sprintet auf das Klo, das man ohne weiteres als Drecksloch bezeichnen könnte. Wir begleiten sie in einer heftigen Szene, die sicherlich über fünf Minuten lang ist, bei den Qualen ihrer Geburt.
Auch Chicas Tristes thematisiert sexualisierte Gewalt. Auf einer Silvesterparty wird Paula von ihrem eigentlichen Schwarm vergewaltigt. Ursprünglich hatte sie Interesse an ihm — doch nicht so, auf dem dreckigen Klo bei einer Party mit den Freund:innen direkt vor der Tür. Ihr wiederholtes Nein wird übergangen. All dies erfährt das Publikum gemeinsam mit Paula und ihrer besten Freundin La Maestra, die das Geschehene der Nacht aufarbeiten und zu begreifen versuchen, was für ein Leid hier verursacht wurde. Besonders ist hier der Fokus auf die liebevolle, tiefgreifende Freundschaft der beiden Mädchen.
Gerade zu Beginn des Films 17 schwankten meine Gefühle zwischen unbändiger Wut und Abscheu. Fassungslos verfolgte ich die Entwicklung des Films. Wie können Typen einfach so widerwärtig sein? Selber nicht verstehen, was sie angerichtet haben, und es auch noch direkt wiederholen? Dass die gesamte Schulklasse so unsympathisch und abgedreht dargestellt wird, erhöht diese Abscheu noch.
Auch der Täter bei Chicas Tristes scheint sein Verhalten nicht zu reflektieren, nicht zu realisieren, was er angerichtet hat. Ihm wird im Film allerdings deutlich weniger Raum gegeben. Bei Chicas Tristes steht nicht das Fehlverhalten der Jugendlichen im Fokus, sondern vielmehr die liebevolle und emphatische Beziehung der beiden Mädchen, die Hoffnung und Ruhe ausstrahlt und zutiefst authentisch wirkt. Szenen haben teils fast gar keinen Ton, was dem Publikum einen ganz besonderen Zugang zum Film ermöglicht.
Im Gegenzug hierzu die klare Überreizung bei 17, die Saras innere Überforderung direkt spürbar macht. Nicht nur die Jugendlichen sind unfassbar laut. In jeder Szene gibt es Störgeräusche, die verstärkt sind. Das laute Kühlschrankbrummen, das laute Wummern einer Party. Während der Film sehr überreizt beginnt, gibt er mit Fortschreiten der Handlung Sara und ihren Emotionen deutlich mehr Raum, und damit auch dem Publikum die Möglichkeit zu atmen und zu verarbeiten. Das gezeigte Leid ist unfassbar intensiv und nur schwer mit anzusehen. Gerade das letzte Drittel des Films ist unfassbar stark geschauspielert. Eva Kostic bietet in ihrer ersten Spielfilmrolle eine beeindruckende Leistung.
Die Regisseurin von Chicas Tristes’, Fernanda Tovar, legte sehr viel Wert auf eine stimmige vielschichtige Komposition. Perspektiven durch Fenster oder Glas, eine der beiden Freundinnen nur durchs Spiegelbild sichtbar. Ästhetisch ansprechend, insbesondere auch durch die vielen Schwimmszenen. Eine warme Bildgebung. Trotz der schwerwiegenden Thematik wurde jugendliche Leichtigkeit und Wärme eingebunden.
Mir scheint es, als hätte 17 zwei unterschiedliche Geschichten erzählt. Zum einen das Thema der Vergewaltigung mit Fokussierung auf die Täter und Dynamiken in Jugendgruppen. Mit der sich anschließenden nächsten Vergewaltigung als Folge der fehlenden Ächtung der Täter. Zum anderen die heftige Geburt dieser ungewollten Schwangerschaft. Der Fokus der Handlung wandelt sich hier in etwas unerwarteter Form. Statt etwa auf die Verarbeitung dieser weiteren Vergewaltigung einzugehen, bleibt dies allenfalls eine Randnotiz. Hier hätte Potential bestanden, die hierdurch ausgelösten Emotionen und eine anschließende Verarbeitung des Erlebten einzufangen. Im zweiten Teil befassen wir uns allerdings fast ausschließlich mit Sara und der sich androhenden Geburt sowie ihr dadurch verfestigendes Leid.
Im Publikumsgespräch erläuterte die Regisseurin Kosara Mitic, dass eine wahre Geschichte aus Mazedonien sie zu diesem Film inspiriert habe. Vor einigen Jahren habe eine Schülerin auf einer Grenztoilette ihr Baby bekommen und das Kind dort zurückgelassen. Niemand hatte zuvor bemerkt, dass sie schwanger war. Mit diesem Hintergrundwissen lässt sich auch der plötzliche Umschwung der Handlung erklären. Mitic hatte um die Geschichte der Geburt zu erzählen einer Vorgeschichte bedurft, die sie jedoch im Ergebnis nicht auserzählt oder ausreichend tief beleuchtet, was schade ist.
Dennoch hallt die Realität dieser Geschichte selbstverständlich nach: Wie furchtbar müssen die Umstände sein, wenn du niemandem anvertrauen kannst, dass du schwanger bist? Das Baby dann auch noch alleine auf einer entsetzlichen Toilette zur Welt zu bringen und es anschließend dort zu lassen. Furchtbar.
17 ist ein heftiger, zutiefst pessimistischer Film. Allenfalls die Freundschaft der beiden Mädchen und ein einzelner aufmerksamer Junge aus der Klasse verleihen der Handlung ansatzweise eine Leichtigkeit, die jedoch kaum nachhallt. Hier stellt sich jedoch die Frage, welchen Auftrag ein solcher Film zu leisten hat. Was wird dem Publikum mit diesem Film auf den Weg gegeben? Wenn es nicht einmal ein Quäntchen Hoffnung gibt? 17 wollte schockieren und mitnehmen und hat dies auch durchaus erzielt.
Im Gegensatz hierzu Chicas Tristes. Zwar ist das Thema auch sehr schwer, berührend, muss sacken gelassen werden. Aber es gibt auch Lichtblicke durch wertschätzende Beziehungen, bedingungslose Unterstützung, Offenheit, Selbstreflexion. Hier hallt die Schwere der Situation noch lange nach, aber auf emphatische Weise. Das Publikum wird hier nicht alleine gelassen sondern mit einer warmen Verabschiedung entlassen.
Während Chicas Tristes mich zutiefst berührt hat, bin ich nach 17 verstört. Chicas Tristes lässt sich Zeit in seiner Erzählung und dem Einfangen der Gefühle der beiden Mädchen. 17 gegen Ende zwar in gewisser Weise auch, jedoch unterliegt dem die ganze Zeit eine eindrückliche Anspannung. In Chicas Tristas entschied sich Regisseurin Fernanda Tovar dazu, die Gewalttat nicht zu zeigen, sich auf die Mädchen und deren Wahrnehmung und Umgehen damit zu fokussieren. 17 hingegen ist sehr explizit, arbeitet konstant mit Überstimulation.
Während Chicas Tristes den Jugendlichen sehr wohlwollend begegnet, so stellt 17 die Jugendlichen mehrheitlich denkbar unangenehm dar. Eins haben die beiden Filme jedoch gemeinsam: in beiden Fällen realisieren die Täter nicht, was sie den Mädchen angetan haben, was in vielen Fällen der Realität entsprechen dürfte — und beide Filme haben mich noch über Tage beschäftigt. Bei 17 war ich empört, dass ich mir diese Handlung so angucken musste. Bei Chicas Tristes war ich zutiefst dankbar, eine solche Perspektive auf der Leinwand zu sehen. Denn es wird sich eben doch häufig viel zu viel auf die Täter fokussiert. Und bei Chicas Tristes überbleibt bei all der Schwere der Thematik eben doch auch die Hoffnung. Und dafür bin ich dankbar.


