Nach der Berlinale fühle ich mich immer ein bisschen, als wäre ein Tornado durch mein Leben gefegt. Sie wirbelt auf, durchbricht alte Gedankenmuster. Und hinterlässt ohrenbetäubende Stille und einen Haufen Eindrücke, Begegnungen und Ideen, die ich erst einmal sortieren muss. Es ist jedes Jahr so wertvoll wie kräftezehrend. Insbesondere die journalistische Arbeit verlangt mir einiges ab – mittlerweile schon mein halbes Leben lang. Und doch zieht es mich immer wieder zu diesem Festival zurück.

So auch dieses Jahr. Allerdings erst am ersten Festivalsamstag, sodass ich die Eröffnung von Generation gerade verpasst habe – ein ganz schönes Spektakel, wie mir meine Teammitglieder erzählen. Während Stars auf dem roten Teppich der Berlinale keine Seltenheit sind, bewegt sich Generation doch normalerweise abseits des Festivalglamours. Konstantin fasst den Trubel ganz simpel zusammen: so viele Autogrammjäger hat er noch nie auf der Berlinale gesehen. Wie passend, dass der 14+ Eröffnungsfilm Sunny Dancer auch meine eigene Berlinale eröffnet. Mit erfolgreich aktivierten Tränendrüsen bin ich gerüstet für alles, was die Woche für mich bereithält.
Wie jedes Jahr hat unser Team Zuwachs bekommen, und über die kommenden Tage ist es mir eine Freude, unsere Neuzugänge Stück für Stück in Person kennenzulernen. Mit Hannah hatte ich bereits vorab über ihre Kritiken zu Black Burns Fast und C’est ma soeur geschrieben. Als wir uns in der Schlange zur Premiere von Quatro Meninas zum ersten Mal live sehen, führen wir unsere Diskussion über Rassismus und politisch korrekte Begriffe fort, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Auch Emilia und Amaru stoßen dazu, sowie meine Schwester Sarah. Und obwohl ich seit 5 Uhr wach bin und völlig ausgelaugt von den zurückliegenden Wochen, spüre ich sie: die Berlinalemagie. Vielleicht auch besonders die Generationmagie, die unsere Altersunterschiede für einen Augenblick unsichtbar macht und uns über die Generationfilme hinweg verbindet.
Auch Leo sehe ich an diesem Abend das erste Mal seit der letzten Berlinale wieder. Leo, das Herz unserer Gruppe. Während ich ihn an diesem ersten Abend nur ganz fest drücke, versuche ich mir in den folgenden Tagen häufiger vorzustellen, wie die freien Generation Reporter:innen heute ohne ihn aussähen. Es gelingt mir nicht. Jahrelang suchten Sarah, Liv und ich nach Nachwuchs, der das Projekt eigenständig weiterführen würde. Und obwohl wir immer neue Leute gewinnen konnten, war die Zukunft der fGR weiter lange Zeit ungewiss. Mit Konstantin und schließlich Leo kam auf einmal ein ganz neuer Wind auf. Konstantin brachte unsere Website auf Vordermann und Leo startete unseren Podcast – und brachte so viele motivierte junge Menschen ins Team, wie es uns nie zuvor gelungen war. Seitdem schlägt das fGR-Herz mindestens doppelt so schnell und es ist ein unfassbarer Gewinn.

Es folgt ein Sonntag voller Highlights für mich: A Family, Feito Pipa und Black Burns Fast. Während ersterer die lobende Erwähnung der Jugendjury erhält und Feito Pipa zu Recht den Grand Prix und Gläsernen Bären einfährt, beschäftigt mich Black Burns Fast noch weit über die Berlinale hinaus. Regisseurin Sandulela Asanda trifft sich mit Sarah und mir für ein Interview und mein Hintergrundartikel zur Apartheid in Südafrika nimmt einen großen Teil meiner zeitlichen und mentalen Kapazität über den Rest der Berlinale und die darauffolgende Woche ein. Mit unserem Filmgespräch im Anschluss der Premiere wird es neben Chicas Tristes der Film mit den meisten schriftlichen Beiträgen dieser Berlinale.
Schon früh trudeln dieses Jahr die Filmkritiken und andere Beiträge ein. Das Team war bereits vor Festivalbeginn fleißig bei den Pressescreenings, sodass viele Artikel kurz nach den Filmpremieren online gehen können, wie auch unsere erste Filmkritik auf Spanisch von Amaru zu Chicas Tristes, Seas Kritik zu En Route To und Anouks Hintergrundartikel über Umweltaktivismus in Brasilien, inspiriert durch Feito Pipa.
Mit einem Takeover des Generation Instagram Kanals geht es auch auf unserem Insta richtig los. Anouk, Liv und Sarah fingen die Eröffnungen von Kplus und 14plus ein und öffneten die Bühne für viel weiteren Bild- und Videocontent: Luzies Kplus Kurzfilm Guide, Camies Illustration zu A Fabulous Time Machine, Anna-Faridas Collage zu Matapanki, ein Interview mit dem Kameramann von The Lights They Fall und vieles mehr. Ein besonderer Beitrag der ein Zusammenschnitt von Nalo und Anouk zu den wichtigen Worten des iranischen Filmteams von Memories of a Window, dessen zweifache Auszeichnung bei der 14plus Preisverleihung nach den neuesten Angriffen von Israel und den USA umso wichtiger und richtiger ist.

Besonders stolz bin ich auch über die vielen Interviews, die unser Team dieses Jahr über die Berlinalewoche führen kann. Neben den bereits erwähnten Interviews zu Black Burns Fast und The Lights They Fall, unterhält sich Konstantin mit Diego „Apache“ Fuentes über seinen Film Matapanki und die politische Situation und Punk-Szene in Chile. Liv gibt ein sensibles Outlet für Mehraneh Salimian und Amin Pakparvar, die mit ihrem bereits erwähnten Kurzfilm Memories of a Window das Auge auf die Unterdrückung und gleichzeitige Auflehnung im Iran legen. Konstantin und Sarah thematisieren die Realität von Kindern geschiedener Eltern mit Mees Peijnenburg im Kontext seines Films A Family. Amaru, Hanna und Sarah interviewen Fernanda Tovar zu ihrem Film Chicas Tristes, der sich mit dem Thema Vergewaltigung aus Sicht der besten Freundin eines Opfers befasst. Tyler spricht mit Lexie Bean und Logan Rozos über ihren Dokumentarfilm What Will I Become, der die hohe Suizidrate von Transjungs beleuchtet. Alle sechs verschriftlichten Interviews mit Regisseur:innen thematisieren hoch geladene politische und/oder emotionale Themen und sind äußerst lesenswert!
Da es während des Festivals ganz schon drunter und drüber gehen kann, sind wir froh, bei unserem Badge Event am Mittwoch die Gelegenheit zu haben, uns zur Halbzeit der Berlinale einmal (fast) alle an einem Ort zu versammeln. Insbesondere die Stunde vorher, die wir alle in einer Mischung aus Unterhaltung und Coworking beieinandersitzen, wärmt mir regelrecht das Herz. Zaide und Hannah diskutieren ihr selbstgeschriebenes Theaterstück, Anouk und Liv bereiten sich auf ein Meeting mit der Social Media Koordinatorin der Berlinale vor und Liv, Sarah und ich besprechen letzte Details zu unserem anstehenden Workshop. Außerhalb der Berlinale wäre ich diesen tollen Menschen (außer natürlich meiner Schwester) vermutlich nie über den Weg gelaufen. Aber hier, bei Generation und in unserem Projekt, haben wir einen Ort gefunden, in dem wir uns alle miteinander wohl fühlen und gegenseitig unterstützen wollen – auch über die Berlinale hinaus.
Abends geht es dann in die letzte Premiere des diesjährigen Generationprogramms: En Route To. Zwischen all den tollen Filmen vermutlich mein persönlicher Favorit. In Seas Kritik, Hannahs Hintergrundartikel und unserem Filmgespräch können wir unseren gemischten Gefühlen und Bedrückung Ausdruck verleihen.

Bevor ich das Screening von Chicas Tristes am Donnerstag richtig verarbeiten kann, heißt es auf einmal schon: Preisverleihung! Ob mein Berlinaletornado hier seinen Höhepunkt erreicht oder schon austrudelt, kann ich nicht sagen. Ich halte mich zu diesem Zeitpunkt nur noch am letzten Fahnenmast fest, so erfüllt ich von dieser Woche auch bin. Wir nehmen unseren mittlerweile traditionellen Podcast vor der Verleihung im HKW auf, in dem wir das gesamt 14plus-Programm noch einmal durchsprechen. Dann geht es auch schon in die Warteschlange, etwa 1,5 Stunden vor Beginn, damit wir – ohne zu rennen – die Treppen zum Miriam-Makeba-Saal hinaufstürmen und genug Plätze für unser Team und Leos Freund:innen besetzen können. Es folgt eine knappe Stunde, in der alle Preise verteilt werden. Die Preisträger:innen der Gläsernen Bären werden dabei jeweils von beiden Jurys ausgezeichnet. Zwar hätten viele Filme im diesjährigen Programm eine Auszeichnung verdient, doch die sensible Darstellung dieser zwei sehr politischen und gesellschaftsrelevanten Themen ließ Memories of a Window und Chicas Tristes letztendlich doch hervorstechen. Die restlichen Preise gehen an die Kurzfilme The Thread und Nobody Knows the World, sowie die Langfilme A Family und Matapanki.
Unser fGR-Preis für den besten Kurzfilm geht auch an Memories of a Window. Zum besten Langfilm küren wir im Team What Will I Become der für seine lebenswichtige Thematik ebenfalls ein großes Sprachrohr braucht und verdient.
Auch die Preisverleihung von Kplus zeigt zwei einige Jurys. Die lobende Erwähnung für den besten Kurzfilm geht bei beiden Jurys an Under the Wave Off Little Dragon, die Hauptpreise der Internationalen und der Kinderjury für den besten Langfilm gehen an Feito Pipa. Den Gläsernen Bären für den besten Kurzfilm erhält Whale 52, die Internationale Jury vergibt ihren Grand Prix and Spî. Eine lobende Erwähnung tragen außerdem Atlas of the Universe von Paul Negoescu und Not A Hero von Rima Das davon. Damit ist auch Rimas vierter Besuch bei Generation von Erfolg gekrönt. Bevor die preistragenden Filme gezeigt werden, schleicht Liv sich also aus dem Saal, um mit Rima und ihrem Team die Auszeichnung feiern zu gehen. Die beiden sind seit Rimas und Livs erstem Interview 2019 zu Bulbul Can Sing befreundet und lassen so die Berlinale gemeinsam ausklingen.
Der Rest des Teams lässt sich ein letztes Mal zusammentrommeln, um frisch gestärkt mit Brammibals Donuts etwa 83.294.719 Mal zum Titelsong des Eröffnungsfilms Sunny Dancer, „Don’t Feel Like Dancing“ von den Scissor Sisters zu tanzen, unser abschließendes Video dazu aufzunehmen und gleichzeitig das gesamte HKW zu unterhalten. Das Ergebnis möchte ich euch natürlich an dieser Stelle nicht vorenthalten.
Nach einer langen Preisverleihung und anschließender Tanzeinlage fallen wir schließlich wie auch die letzten Jahre im Manifesto am Potsdamer Platz ein. Den Livestream der Wettbewerbspreisverleihung haben wir verpasst, aber das verpasst unserer Laune keinen Dämpfer. Wir sind alle platt und aufgeladen zugleich. Wie kann es sein, dass die 76. Berlinale schon vorbei ist? Wir haben das Festival mit all seinen Facetten aufgesogen, haben Filmschaffende und ihre Visionen kennengelernt, Geschichten und neue Sichtweisen auf der Leinwand gesehen, haben gelacht und geweint, haben versucht, unseren Gefühlen und Gedanken mit Bild, Wort und Film Ausdruck zu verleihen. Wir alle hatten unseren ganz eigenen Tornado, der uns aus unserem Alltag gerissen und ordentlich durcheinander gebracht hat. Und ein letztes Mal für diese Berlinaleausgabe sitzen wir alle an einem Tisch und lassen unsere Highlights noch einmal Revue passieren. Allgemeiner Konsens: Das Team, das Miteinander waren für uns der absolute Höhepunkt des Festivals. Jetzt heißt es für uns alle wieder, in unseren Alltag zurückzufinden. Und direkt von der nächsten gemeinsamen Berlinale zu träumen.

mittlere Reihe: Livia, Liv T., Sarah, Liv H., Tyler, Anna-Farida, Nalo, Anouk, Charlie, Hannah
vordere Reihe: Johanna, Clara, Emilia, Konstantin, Zaide, Sophia


